Europäisches Jugendtreffen in Posen

Worte von Frère Alois

Während der Abendgebete des Europäischen Treffens in Posen sprach Frère Alois jeweils einige Worte:

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Dienstagabend, 29. Dezember 2009

Wir freuen uns sehr, dass wir alle zusammen sind. Zum vierten Mal haben wir das Europäische Jugendtreffen in Polen, zweimal fand es in Breslau, einmal in Warschau und nun findet es in Posen statt. Zum vierten Mal stellen Jugendliche aus Europa fest, wie groß die Gastfreundschaft der polnischen Familien ist.

Bei eurer Ankunft habt ihr den „Brief aus China“ erhalten. Die Leitfrage bei der Abfassung dieses Briefes war: Warum soll man heute glauben? Welche Gründe können einen dazu bewegen, an Gott, an Jesus Christus zu glauben?

Zusammen mit zwei anderen Brüdern machte ich drei Wochen lang Besuche bei Christen in China. Es hat mich beeindruckt, dass viele Jugendliche in diesem Land in einer spirituellen Erwartung leben. Ich begegnete Jugendlichen, die nicht gläubig waren und sich nun der Religion zuwenden.

Eine betagte Frau sagte zu uns: „Nach so vielen Jahren, in denen man den Glauben in keiner Weise äußern konnte, kommen heute mehr und mehr Nichtchristen und wollen erfahren, was wir leben.“

Ein Jugendlicher erläuterte uns: „Die chinesische Seele hat immer an den Himmel geglaubt, an ein Jenseits; das kann man nicht entwurzeln. In den letzten Jahren hat sich das materielle Leben gottlob verbessert, zugleich aber spüren viele eine spirituelle Leere und suchen nach einem Lebenssinn.“

In der westlichen Welt verlief die Geschichte weit gehend anders - stehen aber nicht auch wir vor ähnlichen Fragen? Der wirtschaftliche Fortschritt und mehr noch seine derzeitige Infragestellung lassen nicht länger zu, die Augen zu verschließen. Wir kommen nicht umhin, uns zu befragen: Was kann meinem Leben eine Richtung geben? Was könnte ein lohnenswertes Lebensziel sein?

Wir alle spüren, dass in unserer Welt tief greifende Veränderungen nötig sind. Gesellschaftsstrukturen oder Denkmodelle von gestern erweisen sich als inadäquat und ungenügend, damit die einzelnen Menschen und die Völker in Frieden zusammenleben können.

Aber wir entdecken auch, dass die nötigen Veränderungen, insbesondere eine Neufassung des weltweiten Wirtschafts- und Finanzsystems, nicht ohne eine Veränderung im Herzen des Menschen geschehen können. Wie können wir den Grund für ein gerechteres System legen, solange manche weiterhin Reichtum auf dem Rücken anderer anhäufen wollen?

Wir sind hier zusammengekommen, damit jede und jeder von uns mit einer solchen Veränderung im Herzen beginnt oder diese vertieft.

Aus welcher Quelle können wir schöpfen, damit sich eine solche Veränderung des Herzens vollzieht? Im Herzen jedes Menschen liegt eine Erwartung, ein Durst nach Leben in Fülle. Es ist die Erwartung geliebt zu werden und zu lieben. Morgen Vormittag werdet ihr in den Kleingruppen über diese allen Menschen gemeinsame Erwartung nachdenken.

Gleichzeitig aber machen wir die Erfahrung, dass diese Erwartung nur selten und niemals für immer erfüllt wird. Dies kann uns ermöglichen, anstatt mutlos zu werden, persönliche Gemeinschaft mit Gott zu finden oder wiederzufinden. Hat Gott den Durst, der uns bewohnt, nicht in uns eingeschrieben, damit wir uns ihm, Gott, zuwenden können?

Warum sollen wir also heute glauben?

So wichtig der wirtschaftliche Fortschritt ist, er kann unseren tiefsten Durst nicht stillen. Dieser Durst schließt unser Herz auf, damit wir auf die Stimme des Heiligen Geistes hören, der Tag und Nacht in uns flüstert: „Du bist für immer und ohne Gegengabe geliebt; selbst die leidvollen Prüfungen in deinem Leben, die es freilich gibt und die manchmal sehr hart sind, können diese Liebe nicht auslöschen.“

Dann verändert sich unser Herz. Und nicht nur unser Herz, sondern auch unser Blick, unser Verhalten. Wir können deutlicher unterscheiden: Ohne naiv zu sein, werden wir immer fähiger, miteinander zu sprechen, auf die anderen zuzugehen und unser Leben zu einem Pilgerweg des Vertrauens zu machen. Dadurch tragen wir als Christen dazu bei, das Angesicht der Welt zu prägen, die eben entsteht.

Ein Kind:

Jeden Abend nennen wir die Namen von hier vertretenen Völkern und beten für sie. Wir grüßen heute Abend die Jugendlichen aus Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Island, Portugal, Spanien, Italien und Malta.
In den beiden Hallen, in denen wir zusammen sind, beten und singen wir nun weiter beim Gebet vor dem Kreuz. Jede und jeder kann kommen, die Stirn auf das Kreuz legen und so Gott die eigenen Lasten und die anderer Menschen anvertrauen.

Mittwochabend, 30. Dezember 2009

Seit mehreren Jahren sagten junge Polen zu mir in Taizé: „Kommen Sie zu einem Europäischen Jugendtreffen nach Posen!“ Wir freuen uns, dass das heute möglich ist. Die Liebe zu Polen gehört zu dem Erbe, das Frère Roger uns Brüdern hinterlassen hat. Seine Aufmerksamkeit galt ganz besonders dem Land Polen und den jungen Polen.

Dank dem lieben Erzbischof Stanisław Gadecki dafür, dass er uns eingeladen hat. Dank der Posener ökumenischen Gruppe, in der die katholische, die orthodoxen und die evangelischen Kirchen vertreten sind, dass sie nach Taizé kamen und die Einladung bekräftigten. Dank dem Posener Bürgermeister, dass er die herzliche Einladung mittrug. Der Erzbischof wird einige Worte sagen und ich füge am Ende des Gebetes einige weitere hinzu.

Erzbischof Stanisław Gądecki: „Wir freuen uns über euer Kommen!“

Mit den Stadtverordneten und Einwohnern der Stadt Posen und ihre Umgebung, mit den Vertretern anderer Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften heiße ich alle Jugendlichen willkommen, die aus Ost- und West-, aus Nord- und Südeuropa wie auch von den anderen Erdteilen gekommen sind. Wir freuen uns sehr über euer Kommen und möchten euch aufnehmen so gut es nur geht. Wir sehen eure Anwesenheit als eine wunderbare Gabe für diese Ortskirche, die älteste in Polen, für alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hier, für die Stadt Posen und für ganz Polen.

Ich grüße herzlich Frère Alois und alle Brüder der Communauté von Taizé. Ich danke ihnen dafür, dass sie für diesen Abschnitt des „Pilgerwegs des Vertrauens auf der Erde“ die Stadt Posen ausgesucht haben, „wo Polen geboren wurde und auch die Geschichte seines christlichen Lebens begann“. Von hier kommt Frère Marek, der erste Pole, der in die Communauté von Taizé eintrat. Von hier kommt auch eine Gruppe sehr engagierter Jugendlicher, die gut verstanden hat, worum es in Taizé geht. Sie glauben, dass alle Jugendlichen eine einzige Familie der Kinder Gottes bilden, unabhängig von den Unterschieden in der Sprache, der Kultur, der Nationalität, unabhängig auch von den verschiedenen geschichtlichen, kulturellen und konfessionellen Zusammenhängen.

Frère Roger, dem Gründer der ökumenischen Communauté von Taizé war deutlich, dass für diese große Familie Jugendlicher die bestehenden Spaltungen zwischen den Christen ein Problem darstellen. Er war gleichzeitig davon überzeugt, dass die Christen die von Christus so ersehnte Einheit nur dank einer Ökumene wiederfinden können, die sich am Wort Gottes, an der Feier der Eucharistie, am Gebet und der Kontemplation nährt. Früher, in der Liturgie der Urkirche, rief der Bischof nach seiner Predigt: Conversi ad Dominum. Daraufhin erhoben sich die Gläubigen und wandten sich dem Osten, das heißt Christus zu. Nur wenn wir gemeinsam auf Christus schauen finden wir die so ersehnte Einheit wieder.

Heute, 30 Jahre nach der Entstehung der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, die den Prozess zur Wiedergewinnung der Freiheit in mehreren Ländern und zu einem neuen Abschnitt in der Vereinigung Europas unseres Erdteils geprägt hat, ist es Zeit, sich eine Frage zu stellen: Denken wir in Europa und auf den anderen Erdteilen heute ernsthaft darüber nach, welchen Sinn unsere Freiheit haben soll? Was mache ich aus meiner Freiheit? Die letzte Reise von Frère Alois nach China stellt die Notwendigkeit darüber nachzudenken noch deutlicher heraus.

Liebe junge Freunde! Ich grüße euch noch einmal und wünsche euch, dass eure mit verschiedenen Sehnsüchten und Hoffnungen erfüllten Herzen in Posen eine verlässliche Antwort auf all eure Fragen finden, dass sie von Gott berührt werden und wahre Freude erfahren!

Frère Alois: „Sich für die Einfachheit entscheiden“

Gestern sagte ich euch: Wir sind hier versammelt, damit jede und jeder von uns mit einer Veränderung des Herzens beginnt oder diese vertieft.

Wie kann eine solche Veränderung im Herzen geschehen? Es geht nicht in erster Linie um einen vom Willen diktierten Schritt. Unser Herz ändert sich, wenn wir uns Gott zuwenden. Gott ändert es. Könnten wir uns jeden Tag etwas Zeit nehmen, um uns Gott zuzuwenden?

Im Gebet kommt Gott immer auf uns zu. Die Bibel wagt zu sagen, dass in Gott ein Drust liegt, in Gemeinschaft mit den Menschen zu sein. Gott kommt durch Christus zu uns. Die Eucharistie ist dafür der klarste Ausdruck. Durch sie empfangen wir sein Leben. Die Eucharistie ist ein ganz tiefes Geheimnis, wir können sie nur im Geist des Kindseins und der Anbetung empfangen.

Maria ist für immer Zeugin dafür, dass Gott zu uns kommt. Deshalb können wir auch auf sie schauen. Hier in Polen haben der Glaube an die Eucharistie und die Verehrung Marias vielen Menschen ermöglicht, im Vertrauen auf Gott harte Prüfungen der Geschichte durchzustehen.

Durch den Heiligen Geist wohnt Gott in unseren Herzen und spricht dort zu uns, indem er uns Gedanken und Vorhaben eingibt. Er spricht auch durch unsere Sehnsüchte zu uns. Wie aber können wir diese innere Stimme erkennen? Unser Herz läuft über vor einem Gewimmel von Sehnsüchten und Wünschen. Wir möchten so viele, manchmal widersprüchliche Dinge.

Es kommt darauf an, unsere Sehnsüchte zu sortieren: Nicht alle sind schlecht, alle sind aber auch nicht gut. Es gilt geduldig zu lernen, welchen wir Vorrang geben und welche wir beiseite lassen sollen.

Unsere Sehnsüchte sortieren, hinnehmen, dass man nicht alles hat, öffnet uns für die anderen, bewahrt uns vor Vereinzelung und führt uns dazu, mit anderen zu teilen, was wir haben. Wie kommt es, dass materieller Wohlstand oft von einem Rückzug auf sich selbst begleitet wird, vom Verlust echter Kommunikation?

Ja, viele von uns möchten dieses starke Engagement eingehen: sich für die Einfachheit des Lebens entscheiden.

Wenn wir die Einfachheit wählen können wir von Herzen teilen. Viele Initiativen zu teilen und viele Hilfsinitiativen übersteigen unsere Kräfte nicht. Wir sehen hier in Posen viele Leute, die sich auf diese Weg gemacht haben und die uns auf ihm mitnehmen können.

Ich denke auch an Ordensfrauen, die ich in China besucht habe. Sie haben sich in der Gegend von Sichuan niedergelassen, wo 2008 ein großes Erdbeben stattfand. Sie kommen den leidgeprüften Einwohnern zu Hilfe. Aber sie können nicht über ihren Glauben sprechen. Sie können nur still anwesend sein, Widerschein des Jesuskindes, das in aller Stille in Bethlehem geboren wurde.

Zusammen mit zwei anderen Brüdern war ich kürzlich nicht in China, um etwas dorthin zu bringen, sondern um auf die Christen zu hören, auf sie zu hören und für sie zu beten, insbesondere wenn beunruhigende Nachrichten aus diesem Land bis zu uns dringen. Im Hinhören auf diese Ordensfrauen haben wir besser den Weg des Teilens, der Einfachheit und der Selbstlosigkeit begriffen.

Eine von ihnen sagte zu uns: „Nach mehreren Monaten der Zusammenarbeit mit den Menschen, machten mehrere von uns eine Zeit des Zweifels durch. Warum so viel Leid?“ Eine andere sagte: „Als ich unsere Ohnmacht sah, diesen Menschen zu helfen, fühlte ich mich wie Maria unter dem Kreuz.“

Und noch eine andere: „Wir wurden gebeten, nicht über den Glauben zu reden; das ist hart, aber ich begreife noch besser meine Berufung. Menschen nahe sein, heißt bereits aus dem Evangelium leben. Die Menschen hier vermuten, dass unser Leben einen Sinn hat, auch wenn er ihnen entgeht.“

Kann das Zeugnis dieser christlichen Ordensfrauen in uns die Hoffnung und den Mut, die Einfachheit zu wählen, bestärken?

Ein Kind:

Jeden Abend nennen wir die Namen von hier vertretenen Völkern und beten für sie. Wir grüßen heute Abend die Jugendlichen aus Weißrussland, Russland, Turkmenistan, Usbekistan, der Ukraine, aus Georgien, Albanien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Rumänien, Montenegro, Litauen und aus der Slowakei.

Wir grüßen auch die Jugendlichen aus China, Hongkong, Korea, Japan, Indien, Indonesien, Singapur, aus den Philippinen, Malaysia, Vietnam, Israel und Zypern.

Wir grüßen auch die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Pfarrer der katholischen, der orthodoxen und evangelischen Kirchen aus Polen und aus anderen Ländern. Wir grüßen den Vertreter des Präsidenten der Republik Polen und die Verantwortlichen der Stadt und der Region Posen.

In den beiden Hallen, in denen wir zusammen sind, beten und singen wir nun weiter beim Gebet vor dem Kreuz. Jede und jeder kann kommen, die Stirn auf das Kreuz legen und so Gott die eigenen Lasten und die anderer Menschen anvertrauen.

Donnerstagabend, 31. Dezember 2009

Vor 20 Jahren, beim ersten Europäischen Jugendtreffen in Polen gleich nach dem Fall der Berliner Mauer waren alle in festlicher Stimmung wegen der wieder erlangten Freiheit, es war ein Moment tiefer Freude.

Damals war eine Zeit der Begeisterung, heute leben wir eher in einer Zeit der Entscheidung und der Ausdauer.

Denken wir heute genügend über die Bedeutung der Freiheit nach? Freiheit heißt wählen können, wo wir die Prioritäten setzen. Freiheit bedeutet nicht, den unguten Neigungen in uns nachzugeben. Die Freiheit ermöglicht zudem einen Kampf gegen Strukturen von Ungerechtigkeit in der Gesellschaft.

Freiheit heißt auch, unseren Glauben äußern können. Während unseres kürzlichen Besuchs in China haben mehrere Menschen den beiden Brüdern und mir von den Leiden erzählt, die ihre Eltern oder Großeltern für den Glauben auf sich nehmen mussten. Viele von euch, die aus Polen oder anderen mittel- oder osteuropäischen Ländern kommen, haben auch Eltern und Großeltern, die wissen, was es heißt, für den Glauben zu leiden.

Wir wollen Gott für die Christen danken, die durchgehalten haben. Heute können wir den Glaubenden in China nahe sein. Es berührt sie, wenn sie hören, dass wir Freitagabends in Taizé für sie beten.

Ich möchte heute Abend ein besonderes Wort an die jungen Polen richten. Ihr habt tiefe Wurzeln im Glauben. In einer jahrhundertelangen Tradition ist bei euch gewachsen, was eurem Volk ermöglicht hat, tiefe leidvolle Prüfungen durchzustehen. Oft sind diese Wurzeln mit eurer Familie und eurer Kirchengemeinde verbunden, in der ihr aufgewachsen seid.

Heute sucht ihr neue Ausdrucksformen des Glaubens, und das ist gut so. Die äußeren Formen können sich wandeln; sie müssen sich manchmal ändern, damit das Licht des Glaubens wieder hell leuchten kann.

Diese Suche gelingt aber nur, wenn sie mit einem Verständnis für die Überlieferung Hand in Hand geht. Darin liegt eine Herausforderung: Neues schaffen und sich dabei auf die Überlieferung stützen. Unsere kleine Communauté von Taizé möchte euch auf dieser Suche begleiten. Wir haben so viel von eurem Land empfangen, dass wir gar nicht anders können, als mit euren Weg verbunden zu bleiben.

Das Licht, das die Kinder eben entzündet und das wir uns weitergereicht haben, kommt von weit her. Es wurde aus der Geburtsgrotte in Bethlehem hierher gebracht.

Diese Flamme des Friedens und der Freundschaft ist dazu da, alle Menschen zu erleuchten. Wir können es deshalb nicht hinnehmen, dass die Ungleichheiten in der Welt wachsen, dass nur einige wenige vom Wirtschaftswachstum profitieren, während die große Mehrheit in Armut leben muss. Wir möchten uns für die Einfachheit des Lebens entscheiden, um Miteinanderteilen, Solidarität und einen verantwortlichen Gebrauch der Rohstoffe unseres Planeten voranzutreiben.

Ja, das Friedenslicht ist für alle Menschen da. Dies bewegt uns, unseren „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ fortzusetzen. Hier die nächsten Etappen.

Jede Woche gehen das ganze nächste Jahr hindurch die Jugendtreffen in Taizé weiter. Im August werden wir besonders an Frère Roger denken; dann ist es fünf Jahre her, dass er uns verlassen hat. In diesem Monat fällt auch der 70. Jahrestag seiner Ankunft in Taizé, mit der alles begann.

Im kommenden Jahr finden Jugendtreffen in Portugal, in Sarajevo und in Norwegen statt.

Und in einem Jahr gibt es wieder ein Europäisches Jugendtreffen, und zwar in einem Land, in dem noch nie so ein Treffen stattgefunden hat: vom 28. Dezember 2010 bis zum 1. Januar 2011 in den Niederlanden, in Rotterdam.

Seit einigen Monaten hat dort schon die Vorbereitung begonnen, es herrscht helle Begeisterung. Alle Kirchen haben sich zu unserer großen Freude bei aller Vielfalt zusammengefunden, um der Kirche ein neues Gesicht zu geben. Euch Holländern, Danke!

Unser Pilgerweg hat sich in den letzten Jahren durch Jugendtreffen in Asien, Afrika und Südamerika ausgeweitet. Warum? Die Globalisierung bringt zwar Untiefen mit sich, aber auch neue Möglichkeiten, die Universalität unserer Gemeinschaft in Christus zum Ausdruck zu bringen.

Wie es vor einem Jahr angekündigt wurde, findet unser fünftes Asiatisches Jugendtreffen in einigen Wochen, Anfang Februar, in Manila auf den Philippinen statt. Die Jugendlichen aus den Philippinen, die hier unter uns sind, beteuern, dass die Türen und die Herzen in großer Gastfreundschaft offen stehen.

Nach Asien kehren wir wieder nach Südamerika zurück. Vom 8. bis 12. Dezember 2010 findet das zweite Südamerikanische Jugendtreffen in Santiago de Chile statt.

Unter uns sind Chilenen, der Jugendpfarrer von Santiago und mehrere Jugendliche. Einer von ihnen, Claudio, wird etwas sagen:

„Vor drei Jahren haben uns unsere Freunde in Bolivien eingeladen, am ersten Südamerikanischen Jugendtreffen von Taizé teilzunehmen. Jetzt findet eine weitere Etappe des Pilgerwegs des Vertrauens auf der Erde in unserem Land statt. Für die jungen Chilenen und Südamerikaner ist dies eine Gelegenheit, noch engere Verbindungen zu suchen und unser Engagement zu erneuern, Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi und Boten seines Reichs zu sein. Mit großer Freude laden wir euch ein, am Jugendtreffen in Santiago de Chile teilzunehmen.“

Ein Kind:

Jeden Abend nennen wir die Namen von hier vertretenen Völkern und beten für sie. Wir grüßen heute Abend die Jugendlichen aus Moldawien, Armenien, Kroatien, Ungarn, Bulgarien, Slowenien, Estland, Lettland, der tschechischen Republik und aus Italien, insbesondere die Jugendlichen aus Aquila, wo im letzten Jahr ein Erdbeben stattfand.

Wir grüßen auch alle aus Chile, Brasilien, Mexiko, Puerto Rico, Kuba, Kolumbien, Argentinien, Venezuela, Kanada und den Vereinigten Staaten.

Wir beten und singen nun weiter beim Gebet vor dem Kreuz.

Freitagabend, 1. Januar 2010

Wir sind sehr dankbar für die Gastfreundschaft, mit der wir aufgenommen wurden. Aus ganzem Herzen Danke den Familien und allen, die so großzügig ihre Türen geöffnet haben. Dank auch den Kirchenverantwortlichen, die die Vorbereitung unterstützt haben. Dank den städtischen Behörden, die mitgearbeitet haben.

Während der Tage dieses Treffens konnte jede und jeder sehen, dass wir nicht allein sind. Wir gehören zu einer Gemeinschaft von Glaubenden. Wir konnten feststellen, dass in Polen der Glaube an Christus untrennbar ist von der Zugehörigkeit zur Kirche. Mehr denn je kommt es deshalb darauf an, nicht wegzulaufen, sondern herbei zu eilen, um zu sagen, wie sehr wir die einzigartige Gemeinschaft lieben, die die Kirche ist.

Jeden Abend habe ich etwas von unserer Reise nach China erzählt, weil ich gespürt habe, dass es etwas ganz Besonderes ist, mit den Christen dieses Landes verbunden zu sein. China war während langer, langer Zeit ein verschlossenes Land. Heute können wir nicht auf Abstand bleiben, dieses Land ist uns näher, als uns bewusst ist.

Ich möchte noch etwas über zwei Menschen sagen, denen wir auf dieser Reise begegnet sind. In Schanghai traf ich einen 93 Jahre alten Bischof, der um des Glaubens willen 23 Jahre im Gefängnis saß. In den schwierigen Jahren dachte er, dass alle Religionen aus China verschwinden würden, dass es dort keinen Glauben mehr geben würde und vielleicht erst 200 Jahre später wieder Glaubensboten in das Land kämen. Es hat sich anders entwickelt. Er wagte es, nach so vielen Jahren im Gefängnis, wieder Verantwortung zu übernehmen.

Mit die stärksten Worte fand ein 80jähriger evangelischer Pfarrer. Er war 27 Jahre in einem Arbeitslager, zunächst inhaftiert und dann in weit entfernter Verbannung. „Im Lager“, sagte er zu uns, „waren wir zusammen mit Christen anderer Konfessionen, unter uns waren evangelische und katholische Pfarrer und auch ein Bischof.“ Dann stand er auf und sagte mit Nachdruck: „Ich weiß, dass es nur einen einzigen Leib Christi gibt, in ihm sind wir vereint, das habe ich erfahren.“

Er fügte hinzu: „In einer Zeit, in der von der Kirche nichts mehr zu sehen war, gab es immerhin die unsichtbare Kirche. Was mich am Leben hielt, war ein Jesajawort, wo Gott sagt: ‚Meine Wege sind nicht eure Wege.’“ Und als ich ihn fragte, wie er die Zukunft sehe, antwortete er: „Ich kenne die Zukunft nicht, aber ich kenne Gott. Er wird uns Schritt für Schritt führen.“

Es gibt Christen in China, die heute wie dieser evangelische Pfarrer Versöhnung suchen. Diese ist dringend nötig, zwischen den Konfessionen, aber auch innerhalb jeder Kirche. Darin fühlen wir uns in Taizé den Menschen dort ganz nahe.

Wie in China, zeigt sich auch in der westlichen Welt ein neuer Durst nach Innerlichkeit, die Menschen haben aufs Neue einen Sinn für das Jenseits. Das ist ein Zeichen der Hoffnung.

Die Zeit ist gekommen, dass ihr, die Jugendlichen, euch bewusst werdet, dass es an euch ist, anderen das Vertrauen auf Gott zu vermitteln. Selbst wenn ihr nur wenig vom Evangelium begriffen habt – setzte es in die Tat um, erzählt davon in euren Freundeskreis denen, die nichts vom Glauben wissen, und begleitet auch einige Kinder auf dem Glaubensweg.

Ihr alle kennt Gleichaltrige, die, wenn sie erwachsen werden, die Verbindung zur Kirchengemeinde verlieren, nicht unbedingt aufgrund eines gereiften Entschlusses, sondern einfach durch eine Verkettung von Umständen. Findet ihr Wege, sie zu erreichen und zusammen mit ihnen den Bezug zum Glauben zu erneuern?

In den kommenden Jahren werden manche von euch im Studium und am Arbeitsplatz viele Kenntnisse und Kompetenzen erwerben. Achtet darauf, dass euer Glaube nicht in den Kinderschuhen stecken bleibt. Sucht nach eurer Rückkehr zuhause Wege, euer Verständnis vom Geheimnis des Glaubens weiter zu vertiefen.

Was hat uns das Treffen in diesen Tagen geschenkt? Heute Nachmittag habt ihr gemeinsam überlegt, wie man mit neuem Mut zuhause weiter machen kann. Das Wort der heiligen polnischen Zeugin Urszula Ledochowska kann uns wach halten: „Stets unterwegs, niemals entwurzelt.“

Ja, im Glauben sind wir Pilger. Auf uns alle warten immer wieder leidvolle Prüfungen. Zeitweise scheinen sie uns so sehr zu überwältigen, dass auch ein Trostwort nahe stehender Menschen uns kaum mehr erreichen kann. Was soll man dann tun? Besteht unsere Antwort auf die eigenen leidvollen Prüfungen und die anderer nicht darin, noch mehr zu lieben?

In diesen Tagen haben wir einen Gesang gesungen, der uns auch nach der Rückkehr zuhause begleiten kann. Er beginnt mit Worten aus dem Johannesevangelium: „Bóg jest miłością. Gott ist die Liebe.“

Und dann geht der Gesang weiter mit Worten, die Papst Johannes Paul II. einmal in Polen gesagt hat, jener geliebte Papst, der uns in Taizé stets bei unserem Engagement mit den Jugendlichen und für die Versöhnung der Christen unterstützte. Der Gesang geht weiter: „Miejcie odwagę źyć dla miłości. Bringt den Mut auf, zu leben, um zu lieben.“

Ein Kind:
Wir grüßen heute Abend die Jugendlichen aus Österreich, der Schweiz, aus Großbritannien, Irland, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, aus Luxemburg, Belgien, die Jugendlichen aus Kasachstan und alle jungen Polen.

Wir grüßen auch die Jugendlichen aus dem Togo, dem Senegal, aus Kenia, Kamerun, Eritrea, Südafrika und aus Australien.

In den beiden Hallen, in denen wir zusammen sind, beten und singen wir nun weiter beim Gebet vor dem Kreuz.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article9600.html - 21 April 2019
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