Ruanda

Besuche im November 2010

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Die Anwesenheit von Brüdern in Nairobi ermöglicht es, Verbindungen mit vielen Menschen in Ostafrika aufrecht zu erhalten. Vom 13. bis 23. November 2010 besuchten zwei Brüder Ruanda. Sie nahmen teil an dem jährlich stattfindenden Forum für junge Katholiken, das dieses Jahr in Gikongoro organisiert wurde.

Zweitausend Teilnehmer aus dem ganzen Land, sowie Delegierte aus der Demokratischen Republik Kongo, kamen für vier Tage der Besinnung und des Gebets unter dem Thema „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“, zusammen. Die Brüder wurden gebeten, am Freitagnachmittag ein gemeinsames Gebet mit einem Gebet vor dem Kreuz vorzubereiten – es war ein „wanderndes“ Gebet, das durch die ganze Stadt ging.

Am Sonntag, den 21. November, bereiteten Jugendliche, die bereits an vorherigen Treffen teilgenommen hatten, einen Besinnungstag zum Thema Taufe im Zentrum von St Paul in Kigali vor.

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Die Brüder knüpften Kontakte zu verschiedenen Kirchenverantwortlichen: Erzbischof Emmanuel Kolini und sein frisch gewählter Nachfolger an der Spitze der Episkopalkirche Onesephore Rwaje; Pastor Pascal Bataringaya, Vizepräsident der Presbyterianischen Kirche; Bischof Servilien Nzakamwita von Byumba, zuständig für die Jugendarbeit der Katholischen Kirche.

Junge Menschen aus Ruanda nehmen an den von den Brüdern organisierten Besinnungstagen in Nairobi teil. Mehr als zweihundert Teilnehmer aus Kenia und anderen Nachbarländern haben sich zum Treffen Anfang Dezember angemeldet.

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April-Mai 2009

Zwei Brüder waren in Ruanda, wo sie Jugendliche trafen, die im November 2008 an dem Treffen in Nairobi – einer Station des „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ - teilgenommen hatten.

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In der Umgebung von Kibuye

„In Kigali, Butare, Kabgayi, Kibuye und Ruhengeri trafen wir Jugendliche, die letzten November am Treffen in Nairobi teilgenommen hatten. Die 260 jungen Ruander hatten die kenianischen Gastgeber damals sehr beeindruckt. Wir möchten ihnen auf diese Weise danken, dass sie diese Reise gemacht haben. Nach einem Film über die Station des `Pilgerweg des Vertrauens´ in Nairobi konnte jeder erzählen, was ihn persönlich bewegte. Immer wieder sprachen sie davon, wie herzlich und zuvorkommend sie von ihren Gastfamilien aufgenommen worden waren, von dem Gemeinschaftsgefühl, das trotz der großen Vielfalt der Teilnehmer aus verschiedenen Ländern aufkommt, von denen jedes die Last seiner Geschichte trägt. Auch die Stille im gemeinsamen Gebet wurde immer wieder angesprochen. `Wir wussten nicht mehr, wer aus welchem Land kommt, und obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, verstanden wir uns. Wir erlebten, dass andere genauso schüchtern sind, wenn es um Fragen des Glaubens und des inneren Lebens geht.” „In unserer Gemeinde gaben junge Kenianer jedem von uns einen Mitgliedsausweis ihrer Jugendgruppe, als Zeichen dafür, dass wir von nun an zu ihnen gehören.“ Man konnte Menschen beobachten, die vor Ergriffenheit zitterten, als sie über persönliche Dinge sprachen…

Kibuye war voller Menschen, die für das erste Maiwochenende von der Hauptstadt aufs Land gefahren waren! Die Landschaft ist atemberaubend schön, mit üppig bewaldeten Berghängen, die sich in die glitzernde Oberfläche des Kivusees hinunterziehen… Die Küste mit den bewaldeten Inseln ist von langen Fjords unterbrochen, die in zahllose kleine Bäche übergehen. Ein paar kleine Boote bringen die Leute von einer Seite auf die andere, die Bootsführer rufen ihre Dienste aus, die Fahrgäste unterstützen die Ruderer mit ihrem Gesang und dem Spiel ihrer kleinen Trommeln. Am Abend glüht der Himmel im Norden rot: die flüssige Lava im Krater des Nyiragongovulkans wirft ihren Schein in die Rauchsäule, die in den Himmel steigt. Aber die Landschaft trägt auch die Narben der tragischen Geschichte dieses Landes. Weite Flächen liegen brach und Häuser aus Lehmziegel verfallen allmählich. In dieser Gegend waren die Auseinandersetzungen heftiger und dauerten länger als anderswo…“

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Beisetzung der Gebeine von 127 Opfern des Völkermords am 2. Mai 2009 -
Gedenkstätte St. John Home, Kibuye,

Am Samstag, den 2. Mai, kamen wir mit der Bevölkerung und den Pfarrern der Gegend zu einem Gebet zusammen, das an die Opfer des Völkermords erinnerte... Eineinhalb Stunden lang lasen Menschen abwechselnd die 38 Seiten mit den Namen der Opfer vor. Diese stellen nur einen kleinen Ausschnitt der 11.400 Opfer dar, die innerhalb eines Tages allein in dieser Gemeinde ermordet wurden. Anschließend wurden die Gebeine der 127 Toten begraben, die erst vor kurzem in den Bergen gefunden wurden. Gebete werden von den Vorstehern der Kirchen und Moscheen gesprochen, Überlebende legen Zeugnis ab und offizielle Reden werden von Vertretern der staatlichen Stellen gehalten... der Provinzgouverneur, der Bürgermeister und zwei Abgeordnete aus Kigali, die sich an die Versammelten richten.

Sonntag, 3. Mai: Gottesdienst im Lager Kiziba, wo 18.000 kongolesische, ruandischsprachige Flüchtlinge, die seit 1996 auf der Flucht sind, leben... Sie sind dankbar dafür, dass sie sich hier so geschwisterlich treffen können. Der Jugendchor zeigt sein Können. Sie glühen vor Stolz als verkündet wird, dass sie den Gottesdienst beim Diözesanjugendtag gestalten sollen. Der 20km lange Fußmarsch dorthin hält sie nicht davon ab. Isabelle, eine spanische Ordensschwester, kümmert sich um 200 Sozialarbeiter...

Vom Minibus, der uns von Kibuye nach Kigali bringt, geht der Blick über die Terrassen des Kongo-Nil-Einzugsgebiets, ein Dutzend Hügelketten, die sich am Horizont verlieren. Eukalyptusbäume leuchten auf der ocker-rote Erde, zahllose Schattierungen von Grün, das fast nahtlos in den weit entfernten Horizont übergeht. Kleine Lehmhütten mit romanischen Dachziegeln schmiegen sich an die Bananenstauden. Es scheint, als ob nur der Fluss seinen Weg durch diesen Irrgarten der Hügel findet. Am Ende des Dorfes ist Papyrus abgeholzt worden, damit Mais, Süßkartoffeln und Kohl auf dem fruchtbaren Boden wachsen können. An jeder Straßenkreuzung warten Fahrradtaxis auf Kundschaft. In die Dörfer, in denen es einen Markt gibt, gehen die Menschen meistens zu Fuß...

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Sonntagsgottesdienst im Lager Kiziba

Hinter den lächelnden Gesichtern der Menschen, ist das erlittene Leid zu erkennen, die Härte des Alltags und die bis heute zahlreichen Herausforderungen. Dr. Ezchias Rwabuhihi hat sich selbst den Bedürfnissen des Landes verpflichtet, zuerst als Gesundheitsminister und später als Parlamentsabgeordneter. „Nur ein unglaublicher Kraftakt kann das Land wieder auf die Füße bringen. Die Wiederherstellung von Sicherheit und der kaputten Infrastruktur, der Wiederaufbau funktionierender Institutionen ist ein guter Anfang. Dies alles macht Mut, aber wir wollen die Hände nicht sinken lassen. Die Arbeit des Tribunals geht dem Ende entgegen. Die Eingliederung Ruandas in die Ostafrikanische Staatengemeinschaft ist ein wichtiger Schritt, unsere Länder zu öffnen, die viel zu lange isoliert und sich alleine überlassen waren. Die größte Herausforderung bleibt allerdings die tiefe Armut, in der ein großer Teil der Bevölkerung lebt. Wir haben noch viel zu tun.“

Trotz der beeindruckenden Dynamik und der imposanten Wiederaufbauarbeiten, die im Gang sind, stehen viele Leute vor ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten. „Wir werden oft von Müttern oder Kindern um Essen gebeten. Je besser ich ihre Situation kennen lerne, desto mehr beeindruckt mich ihr Mut. Ruanda ist das einzige Land in Afrika, in dem ich Arbeiterinnen gesehen habe, die auf ein Baugerüst klettern,“ meint ein Bewohner Kicukiros. Auf dem Land beträgt die durchschnittliche Landparzelle einen halben Hektar: nicht immer groß genug, um zehn Münder zu ernähren. In den Tälern wird Reis angebaut. Strafgefangene verrichten gemeinnützige Arbeiten, um damit ihre Strafe zu verringern. Sie terrassieren ganze Hügel, was Bodenerosion verhindert und die Anbaufläche vergrößert. Bildung und Selbsthilfeprojekte sind die Schlüssel zur Entwicklung. Es gibt zahlreiche Initiativen und die Kirchen spielen eine wichtige Rolle.

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Das Lager von Kiziba

Die Diakonissen von Rubenga feiern dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Diese Ordensschwestern aus verschiedenen evangelischen Kirchen dienen der Ortsgemeinde durch soziale Entwicklungsprojekte: Waisenhäuser, Besuche bei den Ärmsten und Alleinlebenden, eine Bäckerei, Getreideanbau, Nähwerkstätten, selbst gestaltete Grußkarten aus Bananenblättern… Sie helfen in der Seelsorge der Gemeinde und machen spirituelle Angebote.

Im großen Saal des Bistumszentrums von Ruhengeri organisiert Pater Janviert ein Berufsausbildungsprogramm für Mädchen und junge Frauen: Friseusen üben aneinander, andere arbeiten hart mir dem Pedal ihrer Nähmaschine oder an Stickereien. Einige Kilometer entfernt steht eine nagelneue Universität, an der bereits 2.000 Studenten eingeschrieben sind.

Die Kirchen blieben von der Tragödie 1994 und deren Folgen nicht verschont. Und dennoch kommen mehr Menschen als je zuvor. Die Sprache der Liturgie, die Lieder und Texte hallen tief in ihrer Geschichte wider. Hier finden viele Trost und fassen neuen Lebensmut. Die Kirchen brechen aus ihren Nähten, selbst unter der Woche. 400 Priester wurden seit 1994 geweiht. Dies ist mehr als zwischen 1917, dem Beginn der Mission, und 1994! Zur Zeit befinden sich 270 Jungen im Priesterseminar.

So viel angesammeltes Leid kann nicht beschrieben werden. Stück für Stück kommt Licht in die Dunkelheit und Menschen beginnen zu sprechen. Mit jeder neuen Leiche wird Trauer möglich. Einem Verwandten oder Freund eine angemessene Beerdigung zu ermöglichen, ist Teil des Heilungsprozesses und ermöglicht den Überlebenden weiterzuleben.

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Eine Flüchtlingsfrau

Jemanden zu finden, dem man sich anvertrauen kann, ist von unschätzbarem Wert. „Wir können den Menschen ein offenes Ohr schenken. Oft bemerkt jemand, `Das war das erste Mal, dass ich jemanden davon erzählt habe.´ Manchmal sind mehrere Treffen notwendig. Auch wenn wir nicht alle Probleme lösen können, ist das Zuhören doch ein erster, wichtiger Schritt. Danach kann jemand von Neuem anfangen. Menschen zu begegnen, die alles verloren haben und dennoch weitermachen, ist sehr ermutigend für mich“, erklärt Stephanie, eine Kleine Schwester Jesu. „Wenn man sieht, wie sie ihr Leben trotz allem in die Hand nehmen, merkt man, dass die Menschen in Ruanda eine Quelle der Hoffnung in sich tragen“, erzählt Schwester Martha in Butare.

„Es ist nur authentisch, wenn wir all das Leid aussprechen können, wenn wir im Vertrauen zusammenkommen. Es ist diese geschwisterliche Einheit, die wahrhaftige Zeugnisse hervorbringt“, bemerkt François Xavier, ein Gemeindeleiter.

Während eines Praktikums wurde Studenten der klinischen Psychologie in Butare bewusst, welche berufliche Herausforderung ihnen bevorsteht. Sie entschieden sich, die Gruppe „Life oriented (Lebensorientiert)“ zu gründen, um einander durch den Erfahrungsaustausch und im Gebet zu unterstützen.
P. Innocent hatte während des Bürgerkriegs seine gesamte Familie verloren. Trotzdem wurde er 1994 als einer der ersten zum Priester geweiht. Heute ist er für eine große Gemeinde in der Nähe des Flughafens zuständig. Wie jeder, der die Tragödie überlebt hat, musste er zuerst seine Erfahrungen verarbeiten, bevor er sich der Zukunft zuwenden konnte: „Das Geschehene ist menschlich nicht zu begreifen. Zu Beginn dachten wir, das Ende der Welt sei gekommen. Dann überkam uns ein starkes Gefühl der Verlassenheit: Wir bemerkten, dass der Rest der Welt uns ignoriert. Mit den Jahren nahm dieses Gefühl ab, durch Zuhören und Verstehen. Manche versuchen im Oberflächlichen Erleichterung und Trost zu finden, aber anstatt sich in seinen Phantasien zu verlieren, muss man den Menschen helfen, in ihren `Keller´ zu gehen, in die Tiefen ihrer Herzen. Nur, wenn sie das, was sie dort finden, im Licht Jesus Christi betrachten, werden sie weiterleben können, frei von ihren Fesseln. Uns selbst allein in unseren Qualen zu finden, hat uns gelehrt, uns im Vertrauen zu öffnen. Zuvor waren wir oft in Abhängigkeiten gefangen, abhängig von Mächten, die uns bevormundeten. Nun sind wir erwachsen geworden. Die Kirche in diesem Viertel ist die zweitgrößte im Land und sie wurde ausschließlich mit Spenden aus der Gemeinde gebaut. „Das ist eine Premiere und hat uns gezeigt, dass wir etwas bewegen können.“

Bei unseren Treffen hören wir immer wieder von Leuten, die der Angst oder Gewalt nicht nachgegeben haben, die Nachbarn versteckten, schützten oder zu Essen gaben und sich manchmal selbst opferten. Wir treffen auch Menschen, die nach einer langen persönlichen Reise einen inneren Frieden wiederfanden und sich heute selbst in den Dienst von anderen stellen. Jeder dieser verschiedenen Wege zeugt von der menschlichen Fähigkeit, sich von Hass, Bitterkeit und Unsinn frei zu machen und jenseits dessen, was man sich vorstellen kann, den Eindruck von Großherzigkeit und Selbsthingabe lebendig zu bewahren… Hier können Schätze geborgen werden, die ihrerseits viele andere herausfordern und Mut machen.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article8722.html - 21 April 2019
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