12. Mai 1915 – 16. August 2005

Frère Roger

Frère Alois, der Nachfolger Frère Rogers, würdigte mit folgenden Worten das Leben des Gründers der Communauté von Taizé

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Der tragische Tod Frère Rogers hinterließ eine große Leere und hat uns bestürzt. Die Zeit danach war für uns Brüder der Communauté von tiefer Dankbarkeit für das erfüllt, was er uns hinterlassen hat.

Unzählige Menschen auf der ganzen Welt teilten unsere Dankbarkeit. Dies gab uns Kraft und wir fühlten uns von Gott getragen. Unsere kleine Communauté konnte in dieser Zeit die Erfahrung der ersten Christen machen, „ein Herz und eine Seele“ zu sein (Apg 4,32).

Für Frère Roger war die Suche nach Versöhnung zwischen den Christen nicht in erster Linie eine intellektuelle Angelegenheit, sondern eine Selbstverständlichkeit. Er wollte vor allem das Evangelium leben und es anderen weitergeben; doch dies ist nur in Gemeinschaft möglich.

Schon als Jugendlicher war Frère Roger zur Überzeugung gelangt, dass eine lebendige Gemeinschaft ein Zeichen der Versöhnung sein kann, dass ein konkretes Leben zu einem Zeichen werden kann. Deshalb wollte er mit Menschen zusammenleben, deren vorrangiges Anliegen die Versöhnung war: Darin liegt die ursprüngliche Berufung von Taizé, ein – wie er es ausdrückte – „Gleichnis der Gemeinschaft“ zu sein, ein kleines, sichtbares Zeichen der Versöhnung.

Frère Roger stammte aus einer evangelischen Familie, doch in den Kirchen der Reformation gab es damals kein monastisches Leben mehr. So hat er, ohne seine Herkunft zu verleugnen, eine Gemeinschaft von Brüdern ins Leben gerufen, deren Wurzeln in der ungeteilten Kirche liegen und damit über den Protestantismus hinausgehen. Die Communauté als solche stellt bereits eine unauflösliche Verbindung zur katholischen und orthodoxen Tradition dar. Zu Beginn der 1970er Jahre waren die Grundlagen gelegt und die ersten katholischen Brüder der Communauté beigetreten. Noch bis zu seinem letzten Atemzug hat Frère Roger unsere Gemeinschaft schöpferisch gestaltet.

Über seinen persönlichen Weg hat er einmal gesagt: „Das Lebenszeugnis meiner Großmutter hat mich so geprägt, dass ich schon in jungen Jahren meine Identität als Christ darin gefunden habe, in mir den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem die Gemeinschaft zu brechen.“

Das Erbe, das Frère Roger uns hinterlassen hat, ist enorm und es ist ein lebendiges Erbe. Vieles hat er schriftlich festgehalten. Allerdings hielt er es immer wieder für notwendig, seine Schriften den neuen Gegebenheiten anzupassen. Selbst die „Regel“ der Communauté, den für unser gemeinsames Leben grundlegenden Text, hat er mehrere Male überarbeitet. Es war, als wollte er uns dazu bringen, uns nicht an Buchstaben oder an bestimmte Strukturen zu klammern, sondern uns stets dem Atem des Heiligen Geistes zu überlassen.

Gott ist durch seinen Geist in jedem Menschen gegenwärtig. Frère Roger trug alle Menschen aus allen Völkern in seinem Herzen, vor allem Jugendlichen und Kinder. Er besaß eine Leidenschaft für Gemeinschaft und sagte oft: „Christus ist nicht auf die Erde gekommen, um eine neue Religion zu gründen, sondern um allen Menschen eine Gemeinschaft in Gott zu eröffnen.“ Diese einzigartige Gemeinschaft, die Kirche, ist für ausnahmslos alle Menschen da.

Frère Roger wollte jungen Menschen diese Gemeinschaft zugänglich machen und ihnen die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ihm war bewusst, dass das Bild von Gott als strengem und furchteinflößendem Richter eines der größten Hindernisse war. Ihm wurde immer klarer: Gott kann nur lieben. Und Frère Roger tat alles, um dies durch sein Leben zum Ausdruck zu bringen. Der orthodoxe Theologe Olivier Clément bemerkte, dass Frère Roger, indem er so beharrlich von der Liebe Gottes sprach, eine ganze Ära beendete, in der man in den verschiedenen christlichen Konfessionen Angst vor einem strafenden Gott hatte.

Frère Roger war in seiner Jugend Christen begegnet, die überzeugt waren, dass das Evangelium den Glaubenden schwere Lasten auferlegt. Dies machte es ihm schwer zu glauben und er begann zu zweifeln. Gott zu vertrauen war für ihn zeit seines Lebens ein Kampf. Seine Offenheit gegenüber der jungen Generation und sein Wunsch, Jugendlichen zuzuhören, gehen aus diesem inneren Kampf hervor. Er sagte, er wolle „versuchen, alles vom Anderen zu verstehen.“

Viele Jugendliche sahen in ihm einen Menschen, der stets bereit war, auch einem Einzelnen zuzuhören. Er tat dies jeden Abend nach dem gemeinsamen Gebet, oft stundenlang. Als ihm in den letzten Jahren die Kraft fehlte, blieb er dennoch abends in der Kirche und segnete ganz einfach alle, die zu ihm kamen, indem er ihnen die Hand auflegte.

Bis zum Ende seines Lebens ging er uns mit außergewöhnlichem Schwung und Mut auf dem Weg der Offenheit voran. Keine äußere Not oder moralische Situation konnten ihn so schrecken, dass er sich abgewandt hätte. Frère Roger eilte zu Hilfe! Mehr als einmal beschäftigte ihn eine bestimmte Situation derart, dass er alles andere um sich herum vergaß. Er war wie der Hirte im Gleichnis Jesu, der neunundneunzig Schafe zurücklässt, um das eine zu suchen, das verloren gegangen war.

Wenn man mit seiner Schwester Geneviève sprach, fiel auf, wie ähnlich sich beide waren. Wie ihr Bruder vermied auch sie jedes harte und verurteilende Wort. Diese Haltung ging auf ihre Familie zurück, besonders auf ihre außergewöhnliche Mutter. Ein solcher Wesenszug hat natürlich zwei Seiten, aber entscheidend ist, dass Frère Roger mit dieser Gabe schöpferisch umging! Wir Brüder haben miterlebt, dass sie ihn manchmal bis an die Grenzen dessen führte, was ein Mensch aushalten kann.

Frère Roger besaß ein allen zugewandtes Herz und eine Güte, die staunen ließ. Güte des Herzens ist aber kein leeres Wort, sondern eine Kraft, die die Welt verändert, weil Gott durch sie am Werk ist. Angesichts des Bösen ist die Güte des Herzens verletzlich; aber das hingegebene Leben Frère Rogers ist ein Unterpfand dafür, dass der Frieden Gottes jedem Menschen auf der Erde gilt.

Er wollte Barmherzigkeit stets konkret leben, besonders gegenüber Menschen in Armut. Frère Roger zitierte immer wieder die Worte des Augustinus: „Liebe und sage es durch dein Leben.“ Dies veranlasste ihn manchmal zu überraschenden Gesten. Einmal kam er von einer Reise nach Kalkutta mit einem Baby auf dem Arm zurück, einem kleinen Mädchen, das ihm Mutter Teresa in der Hoffnung anvertraut hatte, dass es in Europa überleben würde, was auch der Fall war. Im Dorf Taizé fand er Platz für Witwen aus Vietnam und deren zahlreiche Kinder, die er in einem Flüchtlingslager in Thailand kennengelernt hatte.

Frère Roger wollte konkret sein. Dies spiegelte sich auch in seiner Fähigkeit wider, einen Raum schön zu gestalten. Er wollte keine neuen Häuser bauen, und wenn es unvermeidlich war, dann sollte alles sehr schlicht, sehr niedrig und möglichst aus gebrauchtem Material sein. Als in Taizé eine neue Kirche gebaut werden musste, konnte er sich mit dem Vorhaben lange nicht anfreunden und gestaltete die Kirche im Laufe der Jahre auch mehrmals um. Es machte ihm Freude, Räume zu verändern und mit wenigen Elementen etwas Schönes zu schaffen. Dies konnte ich sogar in Mathare Valley, einem Elendsviertel in Kenia, beobachten, in dem wir mehrere Wochen lebten und in dem danach einige unserer Brüder mehrere Jahre verbrachten. Es gelang ihm, unsere arme Hütte mitten im Elend mit fast nichts einzurichten und wie er sagte: „Alles zu tun, um den Menschen um uns herum das Leben schön zu machen.“

Frère Roger bezog sich oft auf die Seligpreisungen und sagte manchmal von sich selbst: „Ich bin ein Armer.“ Er erinnerte uns Brüder immer wieder daran, dass wir keine geistlichen Meister sind, sondern vor allem Menschen, die zuhören. Er bezeichnete sein Dienstamt des Priors als das eines „armen Dieners der Gemeinschaft in der Communauté.“ Seine Verletzlichkeit hat er nie versteckt.

Heute spüren wir, dass unsere kleine Communauté den Weg weitergehen muss, den Frère Roger uns aufgetan hat. Es ist ein Weg des Vertrauens. Das Wort „Vertrauen“ war für ihn nicht leicht dahingesagt. Es ruft uns auf, die Liebe Gottes zu jedem Menschen in aller Einfachheit anzunehmen, aus ihr zu leben und das Wagnis auf sich zu nehmen, das damit verbunden ist.

Wenn wir dies aus dem Blick verlören, legten wir denen eine Last auf, die kommen und lebendiges Wasser suchen. Der Glaube an diese Liebe ist etwas ganz einfaches, so einfach, dass alle ihn annehmen können. Und dieser Glaube versetzt Berge! So können wir trotz Zerrissenheit, Gewalt und Konflikten mit Hoffnung auf die Welt schauen.

Frère Alois

Bücher von Frère Roger

Im Heute Gottes leben (Vivre l’Aujourd’hui de Dieu, 1958)
Dynamik des Vorläufigen (Dynamique du provisoire, 1965)
Die Gewalt der Friedfertigen (Violence des pacifiques, 1968)
Ein Fest ohne Ende (Ta fête soit sans fin, 1971)
Kampf und Kontemplation (Lutte et contemplation, 1973)
Aufbruch ins Ungeahnte (Vivre l’inespéré, 1976)
Einer Liebe staunen (Etonnement d’un amour, 1979)
Die Quellen von Taizé (Les Sources de Taizé, 1980)
Blühen wird deine Wüste (Fleurissent tes déserts, 1982)
Vertrauen wie Feuer (Passion d’une attente, 1985)
Son amour est un feu (franz., 1988)
In allem ein innerer Friede (En tout la paix du cœur, 1995)
Gott kann nur lieben (Dieu ne peut qu’aimer, 2001)
Ahnst du ein Glück? (Pressens-tu un bonheur, 2005)

Gemeinsame mit Mutter Theresa verfasste Bücher

Le Chemin de Croix (franz., 1986)
Maria, Mutter der Versöhnung (Marie, Mère des Réconciliations, 1989)
Gebet, Quelle der Liebe (La prière, fraîcheur d’une source, 1992)


Frère Roger verfasste Jahr für Jahr einen „Brief“, der als Basis für das Nachdenken vieler junger Menschen, sowohl Zuhause als auch während der Treffen in Taizé diente. Er schrieb diese Briefe oft während längerer Aufenthalte an Orten der Armut: Kalkutta, Chile, Haiti, Äthiopien, Philippinen, Südafrika…

Frère Roger erhielt folgende Auszeichnungen

Templeton-Preis, London (9. April 1974)
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Frankfurt (13. Oktober 1974)
UNESCO-Preis für Friedenserziehung, Paris (21. September 1988)
Internationaler Karlspreis zu Aachen (4. Mai 1989)
Robert-Schuman-Preis, Straßburg (20. November 1992)
Award für internationale humanitäre Dienste der Notre Dame Universität von Indiana, USA (24. April 1997)
Dignitas Humana Award der Saint John’s Universität in Collegeville, Minnesota, USA (22. Oktober 2003)

Siehe dazu Hefte aus Taizé N° 10
Frère Roger, Gründer von Taizé - Zwei Betrachtungen zu seinem Leben: Gespräch mit Walter Kardinal Kasper und ein Beitrag von Frère Alois.

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