Mai 2008

Frère Alois in Rumänien

Im Mai besuchte Frère Alois auf Einladung dortiger Kirchenverantwortlicher zusammen mit einem weiteren Bruder der Communauté Rumänien.

Seit dem Ende des kommunistischen Regimes vor zwanzig Jahren sind Tausende von Jugendlichen eine Woche in Taizé gewesen. Die ungeheure Vielfalt der Bevölkerung dieses Landes ist beeindruckend: Orthodoxe, Katholiken, die teils dem lateinischen, teils dem östlichen Ritus angehören, reformierte Christen, Ungarn und (deutsche) Sachsen aus Siebenbürgen… Die zahlreichen Jugendlichen aus einem vorwiegend orthodoxen Land bereichern die Jugendtreffen in Taizé ungemein. Die Rumänen sind die einzigen Orthodoxen, die eine romanische Sprache sprechen. Ihre Verantwortung als „Brückenbauer“ zwischen Ost und West ist ihnen bewusst.

Das heutige Rumänien besteht aus drei historischen Provinzen, in denen die Brüder jeweils eine Stadt besuchten. Frère Alois sagte danach: „Ich habe das Gefühl, nicht in einem Land gewesen zu sein, sondern in drei verschiedenen!“

Bukarest

Die Hauptstadt Rumäniens liegt in der Wallachei, im Süden des Landes, die in Rumänien selbst „Rumänisches Land“ genannt wird. Der Name „Bucureşti“ bedeutet soviel wie „Stadt der Freude“, benannt nach einem Schäfer, dem legendären Gründer der Stadt. Es stimmt, dass die Stadt sehr hektisch ist – Rumänien hat die höchste Neuzulassungsrate an Autos in ganz Europa – auch wenn die Bukarester meinen, dass das Problem nicht die vielen Autos sind, sondern die wenigen Straßen! Die Stadt hat den Versuch überlebt sie in eine kommunistische Vorzeige-Hauptstadt zu verwandeln.

Auch wenn in den letzten Jahren blitzartig eine westliche, weltliche Kultur Einzug nahm, bleibt doch der große Respekt vor der Kirche. Ein Zeugnis dieses Respekts kann im Alltag beobachtet werden: Menschen, die an einer Kirche entlang kommen, verharren kurz in ehrfurchtsvoller Haltung. Frère Alois ging in einer seiner Meditationen während seines Besuches darauf ein:

„Wir stehen heute vor einer großen Herausforderung. Unser Lebensrhythmus ist schneller geworden, die Gesellschaft sowie unsere Art zu leben verändern sich tief greifend. Die neuen Möglichkeiten, die darin liegen, sind außergewöhnlich. Keine Frage, wir sollten uns diesen nicht verschließen. Dennoch brauchen wir eine tiefere Verwurzelung, so dass technischer und ökonomischer Fortschritt auch mit einem Mehr an Menschlichkeit einhergehen. Worin können wir Wurzeln schlagen? Aus welcher Quelle können wir leben? Wir sind hier versammelt, um gemeinsam an diese Quelle zu gehen. In der persönlichen Gemeinschaft mit Jesus Christus, in Vertrauen und in seiner Liebe.“

Viele der historischen Kirchen und Klöster wurden während der Umgestaltung der Stadt in den 80er Jahren zerstört. Doch viele kleine, schöne Kirchen blieben stehen. Einige Kirchen mussten den Bulldozern weichen, die Platz schafften für Wohnblöcke und das berüchtigte „Haus des Volkes“ (den heutigen Parlamentspalast). Sie konnten allerdings durch einen „Umzug“ gerettet werden, in dem sie 500 m von ihrem ursprünglichen Ort wieder aufgebaut wurden. Bukarest ist ebenfalls der Sitz des Patriarchen der Romanisch-Orthodoxen Kirche. Seine Seligkeit Daniel, der kürzlich gewählte Patriarch, war als Dozent in der Schweiz bereits einmal in Taizé gewesen. Während seines Besuches wurde Frère Alois sehr herzlich im Patriarchat und vom Katholischen Erzbischof empfangen.

Frère Roger hatte bei einem kurzen Besuch in Bukarest im Januar 1990 Pater Galeriu und Pater Staniloae getroffen, zwei orthodoxe Priester, die über viele Jahre hinweg der Diktatur Widerstand leisteten. In diesem Jahr konnten die Brüder in die Kirche St. Silvester zurückkehren, in der Pater Galeriu damals gewirkt hatte, und mit Jugendlichen aus der ganzen Stadt ein orthodoxes Vespergebet feiern.

Man konnte meinen, dieser Besuch wäre von vielen Menschen jahrzehntelang vorbereitet worden. Pater Bordasiu, derzeitiger Gemeindepfarrer von St. Silvester, der seit 1990 Jugendgruppen von Bukarest nach Taizé schickt, erinnerte sich noch an die Besuche von Frère Grégoire in den 70er Jahren. Damals waren derartige Aktivitäten sehr gefährlich. Man musste darauf achten, dass im Falle einer Festnahme jeder das Gleiche über seine Tätigkeiten in Rumänien sagte. Ein emeritierter Priester im Patriarchat erzählte, wie er Anfang der 80er Jahre als Student zufällig auf der Straße zwei Brüdern aus Taizé traf. Sie waren ein wenig orientierungslos und suchten nach einem Kloster, das sie besuchen wollten. Er zeigte ihnen den Weg und sie schenkten ihm zum Dank ein Taizé-Taube, die er bis heute aufbewahrt.

Iaşi

Iaşi ist die Hauptstadt der Rumänischen Provinz Moldawien (Moldova auf Rumänisch). Die Hälfte des historischen Moldawiens liegt heute in Rumänien, die andere Hälfte bildet die Republik Moldawien und Teile der Ukraine. Es ist ein schöner Landstrich mit freundlichen, entspannten Menschen. Moldova war immer das spirituelle Herz Rumäniens. Hunderttausende machen sich jeden Oktober auf den St. Parascheva Pilgerweg nach Iaşi. Die dortigen Klöster mit Außenfresken aus dem Mittelalter sind weltweit bekannt. Sie vereinen gotische und byzantinische Architektur. Dies unterstreicht die Tatsache, dass sich hier Osten und Westen treffen und dass diese zwei Teile der Kirche zusammengehören. Ordensfrauen und Mönche hielten den Glauben während der Verfolgung lebendig und heute sind die Klöster wieder voller Leben.

Die Brüder wurden in Iaşi sehr herzlich vom katholischen Bischof empfangen; der neuernannte orthodoxe Metropolit ist noch nicht in der Stadt. Ein Abendgebet, das von Jugendlichen der Diözese vorbereitet wurde, fand im Dom statt. Menschen aus anderen Städten Moldovas nahmen daran teil, ebenso eine Gruppe Jugendlicher von einer der orthodoxen Kirche in Iaşi, die bereits in Taizé waren.

Am nächsten Tag besuchte Frère Alois auch die Mutter von Luminita Solcan, der junge Frau, die im August 2005 unter so tragischen Umständen dem Leben von Frère Roger ein Ende setzte. Die Brüder drückten so ihre Sympathie mit dieser Mutter aus; die Ereignisse liegen wie eine schwere Last auf ihrem Leben.

Während des Abendgebets in der Kathedrale von Iași sprach Frère Alois noch einmal das Gebet, das er zur Beerdigung Frère Rogers formuliert hatte: „Gütiger Gott, wir vertrauen deinem Verzeihen Luminita Solcan an, die durch eine krankhafte Tat dem Leben unseres Bruders Roger ein Ende bereitet hat. Mit Christus am Kreuz sagen wir zu Dir: Vater, verzeih ihr, sie wusste nicht, was sie tat. Heiliger Geist, wir bitten Dich für das rumänische Volk und die jungen Rumänen, die uns in Taizé so sehr am Herzen liegen…“

Cluj

Mit dem Zug durch die spektakuläre Berglandschaft der Karpaten erreichten sie Cluj, die große Universitätsstadt Siebenbürgens, die sich in der Hitze des Frühsommers sonnte.

Die Gegend war seit jeher sehr vielfältig besiedelt, von Rumänen, Ungarn, deutsche Sachsen, Roma und anderen. Die Verbindung mit Zentraleuropa gibt ihr eine andere Atmosphäre als dem restlichen Rumänien im Süden und dem Osten der Karpaten. Siebenbürgen war eines der ersten Länder, in dem die Religionsfreiheit erklärt worden war und noch heute leben viele verschiedene Kirchen hier Seite an Seite. Diejenigen, die nach Taizé kommen, arbeiten seit langem über konfessionelle Grenzen hinweg.

Frère Alois kam auf Einladung Seiner Eminenz Bartolomeu, dem orthodoxen Metropoliten, nach Cluj. Dieser zeigte beim Empfang den Brüdern überraschenderweise einen Artikel über Taizé, den er 1957 für eine Zeitschrift des Patriarchats geschrieben hatte. Als erster hatte er in Rumänien über Taizé berichtete. Durch seine damalige Tätigkeit in der Bibliothek des Patriarchats hatte er als einziger Zugang zu westlichen Medien.

Ein ganzes Wochenende mit Jugendlichen aus Siebenbürgen und darüber hinaus, aus Ungarn, Österreich und von noch weiter entfernt, war in Cluj organisiert worden. Am Freitagabend fand ein Gebet in familiärer Atmosphäre in der reformierten Kirche statt. Von dort aus war ein junger Pastor erstmals mit einer Gruppe von Jugendlichen Anfang der 90er Jahre nach Taizé gefahren. Sie hatten damals beschlossen, sich weiter zu treffen – Ungaren und Rumänen – und Gebete der Versöhnung vorzubereiten. Dies sollte nicht nur an einen Platz geschehen, sondern sie wollten auch in anderen Kirchen miteinander beten. So rotiert seit damals der Ort, an dem das Gebet stattfindet.

Am Samstag fanden Thementreffen statt: eine Bibeleinführung über die Jünger auf dem Weg nach Emmaus mit Frère Alois in der noch im Bau befindlichen griechisch-katholischen Kathedrale; ein Besuch der vier Hauptkirchen der Stadt; Ikonen entdecken mit einem örtlichen Fachmann, der sich mit Sakralkunst – sowohl moderner wie auch alter - auskennt. Pater Bizau erzählte den Jugendlichen: „Taizé hat eine wichtige Rolle in der Wiederentdeckung der Ikonen gespielt, im Westen zum einen, aber auch hier im Osten. Manch einer sieht zum ersten Mal in Taizé die Reproduktion einer Ikone; sei es die Dreifaltigkeitsikone von Rublëv, die koptische (ägyptische) Ikone von Jesus und dem Gläubigen (Freundschaftsikone), die Muttergottes von Vladimir...

Der imposanten Feier der orthodoxen Vesper in der Kathedrale des Metropoliten folgte später ein Abendgebet mit Gesängen aus Taizé in der historischen Kirche St. Michael in der Innenstadt – der am östlichst gelegenen gotischen Kirche Europas. Eine Stunde nach der abendlichen Eucharistiefeier war die Kirche von einem begeisterten Helferteam geschmückt und mit Ikonen und Kerzen verwandelt worden. Die Lesungen wurden von Pfarrern und Pastoren der verschiedenen Kirchen gelesen und der Gesang der Jugendlichen füllten während des Gebets um das Kreuz die Kirche; Kerzen wurden entzündet, um den auferstandenen Christus zu feiern, der uns vereint.

In seiner Meditation versuchte Frère Alois den Anwesenden Mut zuzusprechen:
„In einer Zeit, in der viele von Mutlosigkeit oder Zweifel befallen werden, wollen wir uns von der Kraft der Auferstehung tragen lassen! Die Auferstehung Christi ist wie ein Licht, das den Sinn unseres Lebens erstrahlen lässt und Hoffnung für die Welt entzündet. Als Auferstandener begleitet Christus jeden von uns und er sucht unablässig nach unserer Freundschaft. Jeder von uns kann in Freundschaft mit ihm leben. Nicht umsonst sagt er zu uns im Evangelium: `Ich nenne euch nicht mehr Knechte….Vielmehr habe ich euch Freunde genannt.’

Wir leben diese Freundschaft auch untereinander. Christus vereint uns in einer einzigen Gemeinschaft, der Kirche. Er führt uns zusammen mit Menschen, die so anders sind, dass wir sie auf den ersten Blick kaum als Freunde aussuchen würden. Und dennoch entsteht durch Christus eine tiefere Freundschaft als durch spontane Sympathie.

Zusammen bilden wir die Kirche. Und wir müssen begreifen, dass wir zusammen als Kirche unsere Gesellschaften dabei helfen können, ein menschlicheres Gesicht zu finden, indem Vertrauen eine größere Rolle spielt als Misstrauen. Wenn doch unsere Gemeinden und Jugendgruppen in erster Linie Orte des Wohlwollens und des Vertrauens wären! Orte, an denen sich jeder angenommen weiß und wir versuchen, einander zu unterstützen; Orte, an denen wir aufmerksam gegenüber den Schwächsten sind.“

Printed from: http://www.taize.fr/de_article7009.html - 19 April 2019
Copyright © 2019 - Ateliers et Presses de Taizé, Taizé Community, 71250 France