Italien 2011

Gebete und Besuche

1978 ging Frère Roger mit einer Gruppe junger Brüder der Communauté nach Bari in Süditalien, um dort einige Zeit in einem armen Stadtteil mitzuleben. Die Brüder beteten dreimal täglich in der alten Kirche, arbeiteten mit den Einwohnern und boten ihre Gastfreundschaft für ein einfaches Abendessen und eine Zeit des Austausches an. Nach ihrer Abreise entschieden Jugendliche, das tägliche Gebet dort weiterzuführen und alles zu tun, um die Gemeinde weiter zu beleben.

Im März dieses Jahres waren zwei Brüder der Communauté für Gebete und Besuche in verschiedenen Orten der Umgebung von Bari, in Triggiano, San Giovanni Rotondo, Santeramo, Oria… Sie erlebten, dass der vor 30 Jahren gesäte Samen immer noch Früchte trägt. Nicht nur in „Bari Vecchia,” wo die lokale Gemeinde weiterhin besteht und das Gebet immer noch weitergeht, sondern in der ganzen Region, wo ihr Engagement anderen Mut gemacht hat, sich auf einen „Pilgerweg des Vertrauens“ zu begeben, in dessen Zentrum immer das gemeinsame Gebet steht. Nun beginnen die Kinder der „Jugendlichen“ von vor 30 Jahren, Interesse zu zeigen und an den Treffen teilzunehmen…

Bevor sie nach Puglia reisten, hielten die Brüder in Portici, in der Nähe von Neapel , ein weiterer Ort mit dem die Communauté seit vielen Jahren in Kontakt steht. Sie besuchten dort die Pfarrer und bereiteten gemeinsame Gebete in Herculaneum und Sant’Antimo vor. Nachdem die sozialpolitische Situation Italiens heute eher bedrückend ist, war es schön, neues Leben aufgehen zu sehen, Jugendliche, die nicht aufgeben, sondern eine anderen Zukunft suchen.


Jugendtreffen in Turin

Mai 2008

Mittwoch, 30. April
Der Po fließt majestätisch dahin, im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, aber der Regen – ein unerwarteter Gast – verhüllt sie. Alle hoffen, dass das Wetter wieder umschlägt und es für den Empfang der Gruppe aus Sizilien wenigstens ein paar Sonnenstrahlen gibt. Sie waren von so weit gekommen, um vier Tage mit Jugendlichen aus ganz Italien in Gebet und im Hören auf das Wort zu verbringen.

Alles ist bereit: Piemont überrascht uns mit einer guten Organisation und bereitet einen herzlichen Empfang. Der Empfang findet je nach Transportmittel, mit dem die Gäste anreisen, an drei verschiedenen Orten statt. Wie können sich die Pilger vom ersten Moment an zu Hause fühlen?

Gabriele, ein neunjähriger Junge, bringt es auf den Punkt und gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was wir vielleicht erleben werden: er weiß bereits genau, um wie viel Uhr und in welchen Kirchen wir jeden Tag beten werden... Die drei kommenden Tage werden sicher zu Tagen intensiven Gebets.

Donnerstag, 1. Mai
Eine beinahe menschenleere Stadt bereitet sich auf den Empfang vor. Die Sonne steht am Himmel, keine Wolke verdunkelt sie, und die Ankunft der Jugendlichen wird den Tag noch wärmer machen. Nach und nach kommen die über 500, die sich angemeldet haben, durch den Empfang. Um halb neun Uhr abends beginnt sich die Kirche San Domenico (einst Sitz der Inquisition!) zu füllen. Noch fünf Minuten vor dem Gebet scheint die Kirche halb leer, aber auf dem Vorplatz ist bereits reges Treiben und drei Minuten später kann das Gebet beginnen. Vor und nach der Kirche schlägt das Herz der Italiener, atmet dieses Volk, für das Glaube und Freundschaft untrennbar zueinander gehören. Während des Gebets spricht einer der Brüder über das Thema der Tage: „Ein Zeugnis der Hoffnung geben“. “Als Menschen leben wir einen tödlichen Widerspruch: wir sehnen uns nach etwas anderem als Komfort und Konsum und wissen, dass wir zu mehr berufen sind; gleichzeitig hält uns unser Bedürfnis nach Wohlbehagen und Sicherheit oft auf dem Weg zurück. In diesen Tagen wollen wir uns in Gebet, Stille und Austausch mit anderen öffnen und damit eine Hoffnung wiederentdecken und uns für sie entscheiden.“

Das Gebet sollte um 22 Uhr zuende sein. Das Empfangsteam hatte erwartet, dass die Pilger müde seien und bald aufbrechen würden. Nicht im Geringsten! Der Chor musste bis nach 23 Uhr weitersingen. Die Jugendlichen blieben wie gefesselt in der schlichten gotischen Kirche sitzen. De kleine Gabriele hatte recht: die Tage des Gebets hatten bereits begonnen.

Freitag, 2. Mai
Wie kann man Hoffnung erleben? Die Frage stand im Raum und am Freitag kamen die ersten Antworten, die nicht einfach oder flüchtig sein dürfen. Der Tag bestand aus drei Teilen: eine Bibeleinführung mit anschließenden Gesprächsgruppen am Vormittag; nachmittags dann Besuche an Orten der Hoffnung. Abends das Gebet vor dem Kreuz.
Die Bibeleinführung sprach von unserem persönlichen Weg zu Gott. Wie können wir eine Beziehung zu Gott aufbauen? Ist das möglich?

Nach einem bescheidenen Mittagessen und dem unvermeidlichen Kaffee gehen manche zum Thementreffen „Glaube und Freiheit, mein Weg zu Gott”. Der ehemalige Bischof von Ivrea, Luigi Bettazzi, und der Präsident von Pax Christi, Pastor Guiseppe Platone aus Vaud, sowie eine Eremitenschwester erläuterten dieses Thema mit persönlichen Zeugnissen. Andere besuchen Orte der Hoffnung: Cottolengo, eine Gemeinschaft von Karmelitern, die Brüder von Mutter Theresa, die Heilsarmee, usw. All diese Besuche sind von derselben Frage begleitet: „Wie können wir konkrete Schritte tun, um eine Beziehung zu Gott und anderen Menschen aufzubauen?“ Diese Treffen waren mit großer ökumenischer Weitsicht vorbereitet worden.

Neun Uhr abends in einer leeren Kathedrale, fast ohne Kirchenbänke, nur mit orangefarbigen Tüchern, Steinen und einem beleuchteten Kreuz gestaltet... dahinter das „Turiner Grabtuch“ in seinem einfachen Behältnis.

Um mit uns hier zu beten hatte Frere Alois die 3500 Jugendlichen in Taizé zurückgelassen, die über das Himmelfahrtswochenende gekommen waren. Neben ihm saßen Kardinal Poletto, Erzbischof von Turin, der ihn im Namen der Diözese begrüßte; Vertreter der Orthodoxen und Evangelischen Kirchen waren ebenfalls anwesend. Der Prior von Taizé wandte sich im Rahmen einer Meditation an die Jugendlichen und sagte unter anderem:

In einer Zeit, in der viele Menschen zu Entmutigung und Skeptizismus neigen, möchten wir neuen Schwung finden und uns von der Dynamik der Auferstehung mitnehmen lassen. Die Auferstehung Christi ist wie ein Licht, das unser Leben erleuchtet und Hoffnung für die ganze Welt in sich birgt. Durch seine Auferstehung steht Christus an der Seite jedes Menschen. Er drängt sich nicht auf, sondern kommt ganz einfach auf uns zu; er hört nie auf, um unsere Freundschaft zu bitten. Diese Freundschaft mit Christus leben können! Sie wird zu einem Sauerteig des Friedens und der Versöhnung für die ganze Menschheit. Diese Freundschaft ausweiten auf alle um uns herum und bestehende Grenzen überwinden! Wenn wir nur alles tun könnten, um noch deutlicher zu machen, dass die Kirche ein Ort der Freundschaft für alle ist, vor allem für die, die verwundbar, alleingelassen und fremd sind!

Am Ende des Gebets kamen die Anwesenden in einer beinahe endlosen Prozession zum Kreuz, um Christus die eigenen Lasten und die der anderer anzuvertrauen. Mit all diesen Familien, Jugendlichen, verschiedenen Generationen zusammen zu beten, war vielleicht das deutlichste Zeichen der Hoffnung, das wir während des Treffens erleben durften; und das Gebet nahm, wie Gabriele vorher gehofft hatte, kein Ende.

Samstag, 3. Mai
Die Sonne scheint heute noch sommerlicher. Nach der Bibeleinführung anhand des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter und den Gesprächsgruppen über das Thema „Aufeinanderzugehen“ erwartet uns das Mittagsgebet in der Kirche San Domenico und lässt uns das Erlebte erneut in die Hände Gottes geben.

Am Nachmittag gibt es zwei Highlights: ein „Forum der Vereine“ und das Abendessen im „Sermig“. Auf einem der Innenstadtplätze von Turin kamen etwa zwanzig Gemeinschaften und christliche Bewegungen, die in der Stadt engagiert sind, zusammen, um den jungen Pilgern ihre Arbeit vorzustellen und was sie tun, um das Leben für alle schöner zu machen. Einige Meter von uns erhebt sich ein großes Gebäude... eine Fabrik? Ja, aber eine aus einer anderer Zeit, die schon längst hätte abgerissen werden sollen. Dieses alte Militärlager – das größte in Italien – ist nun ein Friedenslager (Sermig), ein Ort der Gastfreundschaft und der Improvisation. Es war durch die Initiative einer kleinen Gruppe von Leuten entstanden, die der Mission helfen wollten. Die Sorge für Andere machte aus dieser Gruppe von Menschen und dem Gebäude einen Ort für alle, die keinen Platz heben und für die Hoffnung ein leeres Wort ist. Dort aßen wir zu Abend.

Zum Abendgebet gingen wir dann in die Chiesa des „Santo Volto“, eine ganz moderne Kirche. Lieder, eine kurze, sehr tiefgründige Meditation von Kardinal Poletto, und Stille in einer von Tausenden von Kerzen erleuchteten Kirche, ein Zeichen der Auferstehung. Je einfacher das Gebet, umso schöner ist es. Danach ein großer Abschied (nach dem Sonntagsgottesdienst fuhren alle nach Hause), Worte des Dankes, strahlende Gesichter...

Bekannte Gesichter, viele neue Gesichter, aber vor allem Gesichter, die bereits die Hoffnung bezeugen.

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