Malawi

„Das Haus ist nicht fertig...“

„Ein Haus ist nicht fertig, solange es keine Gäste hat.“ Nach der Ankündigung, dass drei Brüder im Oktober 2007 nach Ostafrika kommen würden, erreichten uns folgende Zeilen eines Mitarbeiters der anglikanische Kirche in Malawi:

Ich bin begeistert, dass sie mit zwei weiteren Brüdern nach Afrika kommen und nach Möglichkeiten suchen, den Pilgerweg des Vertrauens in Afrika fortzusetzen. Auch wenn Kenia nicht gerade um die Ecke liegt, werden sich sicher eine ganze Reihe von Menschen einladen lassen. Der christliche Glaube ist hier weit verbreitet, wenn auch manchmal nur dem Namen nach, weniger was das persönliche Engagement betrifft. Vieles erinnert an das Alte Testament und die Predigt dreht sich oft um die Frage des „Du sollst und du sollst nicht“. Viele Menschen finden in der Kirche eine starke Gemeinschaft, die Trost und Unterstützung gibt, vor allem an den Wendepunkten des Lebens, bei Krankheit und Tod, aber auch anlässlich einer Familienfeier, wo alle an der Hochzeit eines Sohnes oder einer Tochter teilnehmen.

Es gibt hier ein großes Gefühl der Zugsammengehörigkeit, und die gegenseitige Unterstützung ist oft genauso eine heilige Pflicht wie der Gottesdienst. Trotzdem sind die Gedanken, sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse einzusetzen, den Menschen eher fremd. Sie würden noch weiter als nur ein zweite Meile mit jemandem gehen, um einem Familienmitglied, einem Freund oder Nachbarn beizustehen, den ein Schicksalsschlag getroffen hat, aber sie würden nicht darüber nachdenken, wie dieser vielleicht zu verhüten gewesen wäre. Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann hat sie Gott uns gegeben, und das müssen wir hinnehmen. Er wird auch weiter für uns sorgen. Die Tatsache, dass Gott ständig gibt, aber dass wir erkennen müssen, was er uns schenkt, um seine Gaben auf bestmögliche Weise zu nutzen, gehört nicht zur Kultur in Malawi. Das Gebet und das Leben aus dem Evangelium, so wie Sie es in Taizé sehen, könnte vielen eine neue Perspektive eröffnen.

Ich habe mit ein paar jüngeren Pfarrern über Gründe für die Nahrungsmittelknappheit gesprochen, und sie meinten, die Korruption wäre Schuld daran. Als ich nachfragte, erzählten sie, dass die Bürgermeister in den Dörfern die Gutscheine ausgeben, mit denen die Leute den stark subventionierten Dünger kaufen können. Sie verteilen diese Gutscheine meistens an Freunde, die Tabak anbauen, und sich eines Tages für die Gefälligkeit revanchieren werden. Die selben Leute müssen mit den Folgen der Missernten zurecht kommen. Darüber hinaus sind sie auch Kirchenälteste. Ich fragte, ob sie nicht mit der örtlichen Regierung und den Bürgermeistern gemeinsam sprechen könnten; sie waren sicher, dass diese Tür verschlossen bleibt. Sie hätten nicht einmal das Recht, anzuklopfen.

Ein junger Pastor hat es nicht leicht hier. „Jung“ ist man in Malawi bis 45 Jahren. Viele der Pastoren sind verheiratet, mit jungen und nicht mehr so jungen Familien. Die meisten sind Ende zwanzig. Es wird als Mangel an Respekt und Unhöflichkeit angesehen, die Verantwortlichen mit solchen Themen zu belästigen. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema, wenn der Bischof die verschiedenen Gemeinden besucht; es heißt, die Jugendlichen seien „unhöflich“, und die Jugendlichen sagen, dass die Alten nicht zuhören. Er muss sich dann mit beiden Gruppen zusammensetzen und allen zuhören. Das mag überall auf der Welt so sein, aber mir kommt es so vor, dass es hier besonders tief sitzt.

Die Diözesanjugendstelle arbeitet mit fast nichts. Aber alle drei Jahre setzt der Diözesanjugendpfarrer alle Hebel in Bewegung und organisiert ein einwöchiges Jugendteffen in Mzuzu, dem Verwaltungszentrum der Nordregion. Vor zwei Jahren fand es Ende November in einem Mädcheninternat statt. Jede Gemeinde sollte 10 Vertreter auswählen, so dass insgesamt nicht mehr als 250 Personen erwartet wurden. Aber es kamen fast 340 und die Gemeinden von Mzuzu machten ohne Zögern ihre Türen auf. Sie ließen die Überzähligen bei sich auf dem Boden schlafen und griffen tief in die Tasche, um Essen zu kaufen, obwohl schon ihr normales Leben nicht einfach ist. Trotz der großen Zahl waren die Leute in der Schule sehr beeindruckt, wie gut alles organisiert war. Auch ich konnte kaum glauben, dass 41 Jugendliche bis aus Usisya an der Küste zu Fuß gekommen waren. Sie hatten kein Geld für den Bus und liefen deshalb stundenlang auf der furchtbarsten Strasse, die ich in der Nordregion gesehen habe, eine dreckige Strasse, in Haarnadelkurven bergauf und bergab, und neben der Strasse geht es senkrecht ins Tal. Nach dem Treffen liefen sie den selben Weg zurück. Ich glaube, die Jugendlichen hatten begriffen, dass etwas passiert, bei dem es sich lohnte, dabei zu sein, und dass sie dort reden und sich austauschen konnten und dass man ihnen dort zuhört.

Das Treffen fiel zusammen mit dem Weltaidstag, dem ersten Dezember. Den ganzen Tag wurde über die verschiedenen Seiten dieser lebensbedrohlichen Situation diskutiert. Ich glaube, in ganz Malawi gibt es niemanden, der nicht mit HIV/Aids angesteckt oder auf irgendeine Weise davon betroffen ist. Wir haben bereits einige Kollegen im Diözesanbüro wegen Aids verloren und es kommt nicht selten vor, dass Jungen im Teenageralter zu mir kommen, weil sie kein Geld haben, um ihre Schulausbildung zu beenden, weil sie nebenbei für ihre jüngeren Geschwister aufkommen müssen. Es ist schon schwer, das Schulgeld aufzutreiben, aber es ist beinahe unmöglich, eine weiterführende Ausbildung zu bezahlen, zudem gibt es kaum Arbeitsplätze danach. Es ist ein wahres Wunder, dass die Leute nicht den Mut verlieren.

Vielleicht haben Sie jetzt gemerkt, wie sehr mir Malawi am Herzen liegt und mich beschäftigt. Bitte, beten sie weiterhin für uns hier, zünden sie Kerzen an in ihrer schönen Kirche. Es wäre wunderbar, wenn sie uns hier besuchen würden. Besucher sind stets willkommen, wie es hier heißt: „Ein Haus ist nicht fertig, solange es keine Gäste hat.“ … Der erste Schritt wäre vielleicht, jemanden zum Taizétreffen nach Kenia zu schicken. Ich wäre Ihnen auch dankbar für Material, mit dem ich hier von Taizé erzählen könnte; es hat eine Bedeutung für Malawi, für Afrika. Unsere Musik hier ist ganz anders, aber es ist interessant, dass der Fahrer des Bischofs im Auto Taizémusik hört. Er hat mich gebeten, für ihn die Texte zu übersetzen. Das brachte mir gute Erinnerungen zurück.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article6643.html - 19 September 2019
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