Ungarn - Slowakei 2006

Die Brücke von Esztergom

In Esztergom steht eine Brücke, welche die beiden Ufer der Donau verbindet, die an dieser Stelle Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei ist. Die Brücke sieht aus als stände sie schon seit Jahrhunderten da, aber die Geschichte ist komplizierter als man denkt...

Vom 24 bis zum 26. März 2006 war das mittelalterliche Esztergom in Ungarn Gastgeber einer weiteren Etappe des Pilgerwegs des Vertrauens. Der zentrale Busbahnhof war an diesem Freitagnachmittag geschäftiger als sonst. Viele Jugendliche mit Rucksäcken überquerten die Donaubrücke.

Mehrere hundert Jugendliche aus allen Teilen Ungarns und der Slowakei, aber auch aus Rumänien, Serbien, der Ukraine, Österreich und Deutschland kamen an. Sie folgten den Pfeilen durchs Stadtzentrum zur gelben Barockkirche, wo das Empfangsteam sie erwartete.

Seit vielen Jahren begegnen sich Jugendliche aus Ungarn und der Slowakei bei den Jugendtreffen in Taizé und den Europäischen Treffen am Jahresende. Petra erinnert sich: „Ich bin nur wenige Kilometer von der slowakischen Grenze entfernt aufgewachsen, aber erst in Taizé habe ich zum ersten Mal im Leben mit einem Slowaken gesprochen!“ So entstand die Idee eines gemeinsamen Treffens in Esztergom auf der ungarischen Seite der slowakischen Grenze.

Einfache Gastfreundschaft

Gastgeber der „Tage des Vertrauens“ war die Innenstadtkirchengemeinde Esztergoms. Für fast alle Gäste war Unterkunft in Familien gefunden worden. Orsi aus Südungarn berichtet: „Bei der Ankunft wurde ich zu einer Familie geschickt, bei der ich unterkommen sollte. Natürlich war ich ein sehr gespannt, als ich mich mit zwei anderen Mädchen, die ich nicht kannte, auf dem Weg zu einer Familie machte, die keiner von uns dreien kannte. Ich merkte auf einmal, daß es nicht alltäglich ist, derart zu vertrauen. Als uns unsere Gastfamilie dann die Tür öffnete, wurde mir klar, daß dies für sie genauso ungewöhnlich ist.“

„Dénes, Gabi und ihre Kinder haben uns sehr herzlich empfangen“, berichtet Olivér aus Budapest. Sie hatten sich auf vier Mädchen eingestellt, und dann kamen wir - drei Männer! Die Kinder starrten uns total überrascht an. Wir haben viel gelacht. Ich habe es sehr genossen, mit ihnen nach dem Abendessen am Tisch zu sitzen und zu erzählen. Am Sonntag, als wir abfuhren, haben Dénes und Gabi uns mit den Kindern vom Gartentor aus nachgewunken. Es ist lange her, daß mich das letzte Mal jemand so herzlich verabschiedet hat.“

„Verletzlichkeit“

Das Programm der drei Tage war genauso einfach wie bei den Jugendtreffen in Taizé: gemeinsame Gebete morgens, mittags und abends, Bibeleinführungen mit den Brüdern aus Taizé, Gespräche in Kleingruppen, Workshops und Gespräche zu verschiedenen Themen. Ausgangspunkt des gemeinsamen Nachdenkens am Samstagmorgen war ein Gedanke, den der Prior der Großen Kartause nach Frère Rogers Tod geschrieben hatte: „Die dramatischen Umstände von Frere Rogers Tod sind nur eine äußere Hülle, die noch einmal mehr Frere Rogers Verletzbarkeit sichtbar gemacht haben, die er bewußt lebte, weil sie die Tür ist, durch die Gott vorzugsweise zu uns eintritt.“ In kleinen Gruppen ging es anschliessend um die Fragen: Was bedeutet es, verwundbar zu sein? Ist es möglich Verwundbarkeit zu ’kultivieren’? Sind wir alle dazu berufen, vor Gott eine bestimmte Art von Verwundbarkeit zu kultivieren?

Themen der Workshops am Nachmittag waren unter anderem: „Ein ’Ja’ für das ganze Leben sagen“, „Roma-Seelsorge“, „Die Botschaft der Ikonen“, „Petrus und Judas, die Ungläubigen“, „Gesungene Meditation“ mit dem Chor der örtlichen Griechisch-Katholischen Kirchengemeinde.

Der unbekannte Nachbar

Janka aus Bratislava schreibt, „Was war so einzigartig an diesen Tagen des Vertrauens? Wahrscheinlich die Tatsache, daß wir uns in einer ungarischen Umgebung befanden, was bei manchen Slowaken gemischte Gefühle auslöste. Mir ist bewußt geworden, daß der Pilgerweg des Vertrauens in einem Rahmen stattfindet, in dem alte politische und historische Gegensätze nicht nur kein Problem mehr darstellen, sondern sogar absurd erscheinen.“

Balázs aus Esztergom hat bei der Organisation des Treffens mitgeholfen: „Wir waren zusammen, verschieden, und haben uns doch verstanden. … Diese Tage haben mir gezeigt, daß es da einen Weg gibt, auf dem es weitergeht. Diese gemeinsame Erfahrung hat eine nicht unerhebliche integrative Kraft...“

Katarína aus Bratislava: „Es war wirklich schön, den Ungarn zu begegnen und bei ihnen zu Gast zu sein. Obwohl wir räumlich so nahe beieinander leben, gibt es dazu so wenig Gelegenheit. Diese Tage des Vertrauens haben uns einander näher gebracht. Ich habe in diesen Tagen etwas über sie und über uns verstanden: Wir sind verschieden, aber einander auch sehr nahe, in gewisser Weise gehören wir sogar zueinander. Es war auch schön, nach vielen Jahren wieder ungarische Worte zu hören, die ich früher einmal von meinen Großeltern gehört hatte... Es ist so wichtig, nach Wegen und Brücken zu suchen; es ist wichtig, sich auf den Weg zu machen. Wenn wir eine Brücke überqueren, ohne zu wissen, was uns am anderen Ufer erwartet, wenn wir - mit nur einem bißchen Mut und Vertrauen - die Welt unserer Gewißheiten verlassen, wird uns Gott selbst über die verbliebenen Hindernisse hinwegtragen und an Orte führen, von denen wir zuvor nichts wußten. Mich hat das an Davids Danklied erinnert: „Er führte mich hinaus ins Weite,... mit meinem Gott überspringe ich Mauern,... Du schaffst meinen Schritten weiten Raum’.“

Die Brücke

Für Einige ist die Brücke von Esztergom ein Symbol dieser alten und vielschichtigen Nachbarschaft. Sie ist zu einer Zeit gebaut worden, als das Land auf beiden Seiten des Flusses zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte. Der erste Weltkrieg machte die Brücke zu einem Grenzübergang zwischen zwei Staaten; der Zweite Weltkrieg ließ die Brücke zerstört zurück. Danach konnten sich die beiden Länder beinahe 60 Jahre lang nicht darauf einigen, die Brücke zu wieder aufzubauen. Erst im Jahr 2000 wurde sie mit Hilfe der Europäischen Union wieder aufgebaut. „Während der letzten 15 Jahre haben wir beide, Slowaken wie Ungarn, vor allem nach Westen geschaut“, sagt László aus Budapest. „Irgendwie haben wir vergessen, daß es einen Nachbar in nächster Nähe gibt. Es scheint schwieriger zu sein, einander anzusehen. Aber die Brücke ist da, Tag für Tag."

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