Seien wir die Seele der Welt

Samstag,12. Mai - Himmelfahrtswochenende 2018

Am Donnerstag haben wir das Fest Christi Himmelfahrt gefeiert. Der Sinn dieses Festes ist uns modernen Menschen nicht immer verständlich. Die Worte der Bibel entsprechen dem Weltbild der damaligen Zeit. Es heißt dort, dass Jesus 40 Tage nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren ist.

Dieses Fest erinnert uns daran, dass Jesus am Ende seines Lebens auf Erden zu Gott zurückgekehrt ist. Er möchte alle Menschen zu Gott ziehen, ohne einen Menschen auf der Erde der Einsamkeit zu überlassen. Er verspricht seinen Jüngern, ihnen den Heiligen Geist zu senden, der immer bei ihnen sein wird.

Mit dieser Verheißung sendet Jesus seine Jünger als Zeugen seines Evangeliums in der ganzen Welt. Auch jeden Einzelnen von uns sendet er aus, damit wir durch unser ganz einfaches Leben die Liebe und den Frieden den Menschen bringen, die er uns anvertraut.

Die ersten Christen haben viel über ihre Situation in der Welt nachgedacht: Sie werden von Jesus zu Gott hingezogen und gleichzeitig von ihm in die Welt gesandt. Der Evangelist Johannes fasst diese Situation in dem Satz zusammen: Sie sind in der Welt, aber sie sind nicht von der Welt.


Am Ende des ersten Jahrhunderts beschreibt ein unbekannt Autor in einem bis heute erhaltenen Brief das Leben der ersten Christen folgendermaßen: „Sie unterscheiden sich von anderen Menschen weder dadurch, dass sie in einem bestimmten Land leben, noch unterscheiden sie sich durch ihre Sprache oder ihre Sitten. Sie wohnen in ihrer jeweiligen Heimat, aber wie Ausländer. Jedes fremde Land ist ihnen Heimat, und jede Heimat ist ihnen fremd.“

Wie Jesus fühlen sich Christen einerseits wie Fremde auf der Erde, wie Migranten in einem Land, das nicht das Ihre ist, denn ihre Heimat ist bei Gott. Aber das führt sie nicht dazu, der Welt gleichgültig gegenüberzustehen. Im Gegenteil, sie erkennen in der Schöpfung und in der Geschichte das anbrechende Reich Gottes; und davon legen sie unter den Menschen Zeugnis ab.

Für Christen ist der Himmel bereits auf der Erde geheimnisvoll gegenwärtig. Dies sollen sie durch ihr Leben zeigen und, wie es im soeben erwähnten Brief heißt, zur „Seele der Welt“ werden. Ja, die Christen sind dazu berufen, in der Welt das zu sein, was die Seele für den Körper ist.


Ich möchte heute Abend noch von etwas anderem erzählen. Vergangene Woche war ich mit mehreren meiner Brüder in der Ukraine, wo in Lwiw/Lemberg junge Menschen aus dem Land und aus vielen Ländern Europas zusammengekommen waren. Die Anwesenheit von Jugendlichen aus Russland war dabei ein wichtiges Zeichen.

In der Ukraine gibt es mehrere voneinander getrennte Kirchen: die orthodoxe, die griechisch-katholische, lateinisch-katholische und evangelische Kirchen. Doch alle hatten sich zusammengetan und uns eingeladen, dieses Treffen vorzubereiten. Wir konnten zusammen beten und Wunden und Spaltungen überwinden.

In Lwiw/Lemberg waren die Jugendlichen von Familien aufgenommen worden, und wir hatten vorgeschlagen, morgens gemeinsam in den Familien zu beten. Dies war wie eine diskrete Erinnerung an die Zeit – die noch nicht so lange her ist – als man dort den Glauben nur heimlich leben konnte – im Verborgenen, in den Häusern.

Bei verschiedenen Gelegenheiten nahmen alle am Leben der Ortskirchen teil. Viele Jugendliche konnten auf diese Weise die ostkirchliche Tradition kennenlernen. Und dieses Treffen hat uns auch gezeigt, welche besonderen Gaben die Menschen in der Ukraine haben: ihre Gastfreundschaft und einen sehr lebendigen Glauben nach den langen Jahren der Unterdrückung und der Spaltung im Land.

An einem Abend kam der Großvater eines Jugendlichen, der im Februar 2014 auf dem Maidan-Platz in Kiew während der Revolution im Land von der Polizei getötet worden war. Dies hat uns sehr berührt.

Nach den vier Tagen des Treffens in Lwiw/Lemberg setzten wir unsere Pilgerreise mit zwei meiner Brüder und zwanzig Jugendlichen aus verschiedenen Ländern im Osten der Ukraine fort.

Die Jugendlichen besuchten ein Flüchtlingslager im Donbass, wo seit vier Jahren Krieg herrscht. Hunderttausende sind dort auf der Flucht. Die Jugendlichen konnten dort den Menschen lange zuhören, die ihre persönliche Geschichte erzählten. Viele Menschen haben ein starkes Bedürfnis, anderen das, was sie erlebt haben, zu erzählen.

Währenddessen fuhr ich mit einem meiner Brüder nach Marinka, einem Vorort von Donezk, einer Stadt, von der über die Hälfte der Einwohner wegziehen mussten. Dort fallen immer noch Bomben. Wir haben ganz nahe an der Demarkationslinie gebetet. Es war zu gefährlich, weiter zu gehen, weil auf beiden Seiten Scharfschützen postiert sind. Am Tag danach ist dieser Stadtteil erneut bombardiert worden.

Am letzten Abend hatten wir in der Hauptstadt Kiew ein Gebet mit Christen der verschiedenen Kirchen. Die jungen Ukrainer, die sehr zahlreich nach Taizé kommen, drängen die Pfarrer oft, aufeinander zuzugehen. So öffnen junge Menschen eine Tür der Gemeinschaft für die Kirchen. Beten wir für die Zukunft dieses Landes!


Beten wir auch für Russland! Morgen früh fahre ich mit einem meiner Brüder nach Moskau, von wo aus wir mit dreißig Jugendlichen aus verschiedenen Ländern in die sibirische Stadt Kemerowo fahren, um mit den orthodoxen Christen das Fest Christi Himmelfahrt zu feiern.

Und beten wir auch für Korea! Einer meiner Brüder aus Korea ist derzeit in China. Er schreibt: „Nach so vielen Jahren von Feindschaft, Hass und Angst, und nach all dem Leid der Teilung des Landes, haben die zwei Teile Koreas einen großen Schritt in Richtung Frieden getan. Wir haben lange gebetet und uns für die Aussöhnung zwischen den feindlichen Brüdern eingesetzt. Manchmal haben wir teuer dafür bezahlt. Nun müssen wir weiter beten, denn die Wunden sind tief und der Weg der Heilung ist lang.“


Nun wird Ismael die Länder aufzählen, die heute Abend hier vertreten sind. Währenddessen verteilen die anderen Kinder Blumen. Ich möchte noch sagen, wie sehr wir uns über die Anwesenheit einer Gruppe arabischer Jugendlicher, Christen und Muslime, aus der Gegend von Nazareth in Israel freuen, und auch über einen Jugendlichen, der aus Bethlehem in den Palästinensischen Gebieten kommt.


(Photo: Sabine Leutenegger)

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