Frère Alois 2017

Auf dem Weg zur Einheit des europäischen Kontinents

Lassen wir uns angesichts der Flüchtlingsströme nicht von der Angst lähmen!

Zu einem am Jahresende 2016 von der Communauté von Taizé in Riga (Lettland) organisierten Treffen kamen – weit über die Europäische Union hinaus – Jugendliche aus ganz Europa zusammen. (1) Diese Erfahrung hat gezeigt, dass Geschwisterlichkeit Menschen aus allen Teilen des Kontinents versammeln kann.

Vielen jungen Menschen hat dieses Treffen im Baltikum die Vielfalt der Länder Europas mit ihrer je eigenen Geschichte und Tradition vor Augen geführt.

Um den Frieden zu bewahren, müssen sich die Menschen in Europa bewusst machen, wie wichtig die Solidarität zwischen den einzelnen Ländern des Kontinents ist; dazu müssen wir einander immer besser kennenlernen sowie Austausch und Zusammenarbeit anregen.

Die Einheit des Kontinents wird nur gelingen, wenn wir noch tiefer miteinander ins Gespräch kommen und uns gegenseitig zu verstehen versuchen: die Mitgliedsländer der Europäischen Union und die anderen Länder Europas; Westeuropa und die Länder Mittel- und Osteuropas; der Norden und der Süden. Jedem Land, ob groß oder klein, muss Gehör geschenkt werden und es muss in seiner Besonderheit geachtet werden. Nur wenn wir uns bemühen, uns in den anderen hineinzuversetzen, können wir auch gegensätzliche Haltungen verstehen und emotionale Reaktionen vermeiden.

Die Europäer könnten noch mehr entdecken, dass ihre gemeinsamen Wurzeln tiefer gehen als ihre Unterschiede!

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Versöhnung sehr aktiv vorangetrieben. Mit dem Fall der Berliner Mauer begann eine neue Phase der Suche nach Einheit. Dieser Prozess kann nach Meinung vieler junger Menschen nur weitergehen, wenn nach einer tieferen Verbundenheit gesucht wird. Europa soll nicht nur in sich geeint, sondern auch für die anderen Kontinente offen und mit den Ländern solidarisch sein, die schwierige Zeiten durchstehen.

Auf der ganzen Welt sind Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Ihre Not ist so groß, dass auch Grenzsperren sie nicht aufhalten können. So sehr man in den reichen Ländern auch mit Sorge und Unruhe reagiert: Wo das Leid unerträglich wird, hält nichts die Menschen davon ab, ihr Land zu verlassen.

Manche sagen: „Wir können nicht alle aufnehmen! “ Andere geben zu bedenken, dass die gegenwärtigen Bevölkerungsbewegungen unausweichlich sind, weil sie aufgrund unerträglicher Situationen hervorgerufen werden. Es ist notwendig und auch legitim, den Strom der Flüchtlinge zu steuern. Sie Schleusern zu überlassen, die sie unter Todesgefahr über das Mittelmeer schicken, steht im Widerspruch zu allen menschlichen Werten.

Man kann nicht leugnen, dass die reichen Länder mitverantwortlich sind an den geschichtlichen Wunden und den Störungen des ökologischen Gleichgewichts, die heute und auch in nächster Zukunft beträchtliche Bevölkerungsbewegungen in Afrika, dem Nahen Osten, Mittelamerika und anderen Gebieten auslösen. In den reichen Ländern werden auch heute noch politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen, die auf anderen Erdteilen zu Instabilität führen. Es ist höchste Zeit, dass die Menschen in den westlichen Ländern ihre Angst vor Fremden und vor anderen Kulturen überwinden und sich entschlossen daranmachen, ihr Gemeinwesen so umzugestalten, dass es den Zuwanderern entgegenkommt. Der Zustrom von Flüchtlingen bringt große Herausforderungen mit sich, aber er kann für Europa auch eine Gelegenheit sein, noch offener und solidarischer zu werden.

Es ist verständlich, dass die Situation an manchen Orten eine sehr starke Belastung darstellt: Viele Menschen fühlen sich überfordert und sind müde. In dieser Frage ist noch keine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Ländern Europas entstanden. Dennoch werden vielerorts die Flüchtlinge offen aufgenommen und man macht die Erfahrung, dass ein persönlicher Kontakt sich oft zu einer echten Freundschaft entwickelt.

Nichts kann eine persönliche Begegnung ersetzen. Dies gilt im Besonderen auch für die Begegnung mit dem Islam. Muslime und Christen können gemeinsam Zeichen des Friedens setzen und sich einer „Gewalt im Namen Gottes“ entgegenstellen. Franz von Assisi hat schon vor 800 Jahren nicht gezögert, den Sultan in Ägypten zu besuchen, um auf diese Weise den Frieden zu fördern. Mutter Teresa hat in Kalkutta ihr ganzes Leben den Ärmsten der Armen – ohne Ansehen der Religion – gewidmet.

Sich innerhalb Europas zu isolieren, würde bedeuten, in eine Sackgasse zu geraten. Sowohl unter Europäern als auch gegenüber den Flüchtlingen ist ein geschwisterliches Miteinander der einzige Weg, um Frieden zu schaffen.


(1) Vom 28. Dezember 2016 bis 1. Januar 2017 nehmen in Riga, der Hauptstadt Lettlands, junge orthodoxe, katholische und evangelische Christen am 39. Europäischen Treffen teil. Diese Etappe des seit vielen Jahren von Taizé ausgehenden „Pilgerwegs des Vertrauens auf der Erde“ wird am 2. Januar in Tallinn (Estland) und Vilnius (Litauen) fortgesetzt.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article21279.html - 22 November 2017
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