Die Geschichte Lettlands in Kurzform (2)

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer kurzen Geschichte Lettlands. Erster Teil.

1917, während des Ersten Weltkriegs, brach in Russland die Oktoberrevolution aus. Die Kommunisten kommen an die Macht und Russland scheidet aus dem Krieg aus. Lettland und die anderen Baltischen Staaten erklären 1918 ihre Unabhängigkeit, für die sie aber noch hart kämpfen mussten und die erst 1921 international anerkannt wurde.

Das heißt, dass die Republik Lettland zum ersten Mal im Jahr 1921 auf den Landkarten erschien. Karlis Ulmanis, ein Held der Unabhängigkeitskämpfe, wurde Premierminister und errichtete eine parlamentarische Demokratie. Er bekleidete im Laufe der Jahre mehrere Ministerposten. 1934 hob er die Verfassung auf und erklärte sich zum Staatspräsidenten. Er errichtete ein autoritäres Regime mit einem starken Personenkult.

Durch den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt (Molotow-Ribbentrop) kamen die baltischen Staaten 1939 unter sowjetischen Einfluss und 1940 wurde Lettland besetzt. Am 25. März 1941 fanden die ersten Massendeportationen nach Sibirien statt. Im Juli 1941 brachen die Nazis den Pakt und eroberten die baltischen Staaten.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte Lettland eine Bevölkerung von etwa 2 Millionen Menschen. Im Zweiten Weltkrieg verloren annähernd 200.000 Menschen das Leben. Etwa 75.000 Juden im Land starben. 1944 wurde das Land von der Sowjetunion besetzt, woraufhin ungefähr 52.000 Menschen flohen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs schickten die westlichen Länder als „Beruhigungsgeste“ 80.000 Letten in die Sowjetunion zurück. So verlor das Land innerhalb von zehn Jahren ein Drittel seiner Bevölkerung. Diese Wunden bestehen bis heute. Die vermeintlichen Freunde entpuppen sich im Laufe der Geschichte oft als Verräter.

Ab 1945 kam es zu einer massiven Einwanderung aus Russland, der Ukraine und Weißrussland. Viele Menschen kamen im guten Glauben, hier ein besseres Leben und Arbeit in den neu errichteten Fabriken zu finden. Sie kamen entweder freiwillig oder wurden zum Aufbau der Union gesandt. Aber es war auch offizielle Politik, sicherzustellen, dass die lettische Bevölkerung im eigenen Land nicht in der Mehrheit bleibt. Das wurde fast erreicht.

Am 20. Juni 1945 kam es zur zweiten Massendeportationen von Letten nach Sibirien. Im Ganzen wurden zwischen 1945 und 1952 etwa 150.000 Menschen in die sibirischen Arbeitslager geschickt. Sandra Kalniete, die frühere Außenministerin Lettlands, kam in einem dieser Lager auf die Welt. Ihre Autobiografie mit dem Titel „Mit Ballettschuhen im sibirischen Schnee“ erzählt die Geschichte ihrer Familie, die verschleppt wurde und erst in den 1950er-Jahren nach Lettland zurückkehren konnte.

1989 bestand die Bevölkerung des Landes noch zu 52% aus ethnischen Letten, der Rest stammte aus anderen Gebieten. Die Letten waren also knapp in der Mehrheit.

Im Zuge von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion sowie den Umbrüchen in Osteuropa drangen auch die baltischen Staaten auf Unabhängigkeit. 1988 wurde eine Menschenkette zwischen Tallinn und Vilnius gebildet, die Lettland durchquerte und die „Singende Revolution“ auslöste. In diesen Ländern spielte die Volksmusik seit jeher eine große Rolle und das gemeinsame Singen brachte die Menschen zusammen und machte ihnen Mut.

© Latvijas Okupacijas Muzejs

Am 4. Mai 1990 erklärte Lettland seine Unabhängigkeit, die allerdings erst am 21. August 1991 mit dem Untergang der Sowjetunion nach dem Putschversuch erreicht werden konnte. In der Altstadt von Riga, unweit des Katholischen Doms, erinnert ein Denkmal an die von der Roten Armee ermordeten Demonstranten.

Der 18. November ist Nationalfeiertag, der Tag der ersten Unabhängigkeitserklärung Lettlands. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die sowjetische Besatzung rechtswidrig war und die erste Unabhängigkeitserklärung gültig blieb.

1990 hatte Lettland etwa 2,7 Millionen Einwohner, heute jedoch nur noch weniger als 2 Millionen. Die Letten verlassen auch weiterhin ihr Land, heute hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen, und wandern nach England, Irland, die Vereinigten Staaten und Australien aus. Auf dem Land trifft man oft Großeltern, die mit ihren kleinen Enkeln zusammenleben, während die Eltern und größeren Geschwister das Land verlassen haben.

Bei der letzten Volkszählung kam die lettische Bevölkerung auf 62%, 25 Prozent sind russischer Abstammung und jeweils 2 bis 3% der Bevölkerung kommt aus der Ukraine, Weißrussland, Polen und Litauen.

In den Großstädten gehört eine Großzahl zur Russisch sprechenden Minderheit. Riga hat knapp 1 Million Einwohner, von denen etwa die Hälfte russischer Abstammung ist. Dünaburg in Lettgallen, dem mehrheitlich katholischen Gebiet, ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Dort gehören 78,8% Prozent der Russisch sprechenden Minderheit an. Heute lernen die russischstämmigen Menschen in der Schule Lettisch und besitzen zum Großteil die lettische Staatsbürgerschaft.

Lutheraner stellen 35% der Bevölkerung, Katholiken 24% und Russisch-Orthodoxe Christen 18%. Kleine Bevölkerungsgruppen sind Altgläubige, Baptisten und Pfingstler.

In Riga war in sowjetischen Zeiten das einzige katholische Priesterseminar außerhalb Litauens. Deshalb haben alle katholischen Priester aus den anderen Landesteilen eine Zeit in dieser Stadt verbracht. Damals wurden die zwei größten Kirchen Rigas zu Konzertsäle und Museen umgebaut. Die lutherische Kathedrale wurde den Lutheranern zurückgegeben, dient aber immer noch als Konzertsaal. St. Peter ist noch ein Museum. Die orthodoxe Kathedrale wurde unter den Sowjets zu einem Planetarium umfunktioniert. Alle Kirchen wurden damals schwer verfolgt.


Lettland ist seit 2004 Teil der EU und hat seit dem 1. Januar 2014 den Euro als Landeswährung.

All dies bildet den Hintergrund unseres Europäischen Treffens. Durch diesen langen Überlebenskampf gegen feindliche Besatzer hat dieses kleine Land seine reiche Kultur bewahrt. Die Letten leben mit ihrer Vergangenheit in Europa, sind aber sehr stolz darauf, was sie in den letzten 25 Jahren erreicht haben. Die Kirchen und Menschen in Lettland bereiten uns allen einen herzlichen Empfang vor und wir können uns viel von ihnen schenken lassen. Wir müssen nur mit offenem Herzen zuhören.


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