Worte von Frère Alois

Zu spüren, dass wir nicht alleine sind, kann uns neue Hoffnung geben

Donnerstag, 21. Juli 2016

Jeden Abend geht das gemeinsame Gebet hier in der Versöhnungskirche mit Gesängen noch lange weiter. Das sind wichtige Stunden, denn das gesungene Wort trägt uns, es dringt tief in uns ein.

Abends bleiben auch Brüder in der Kirche, um all denen zuzuhören, die eine Frage stellen oder über ein persönliches Anliegen sprechen möchten. Priester stehen für das Sakrament der Versöhnung zur Verfügung, und auch Pastoren und einige Schwestern sind da, um zuzuhören. An zwei Nachmittagen der Woche sind zwischen 17:30 und 19:00 Uhr ebenfalls Brüder und Schwestern hier in der Kirche; Ursulinenschwestern donnerstags und samstags nach dem Abendgebet.

Wir alle brauchen jemanden, der uns unvoreingenommen zuhört, vor allem wenn wir etwas aussprechen, wofür wir uns vielleicht schämen. Es geht in erster Linie nicht um gute Ratschläge. Über eine Freude oder eine leidvolle Erfahrung zu sprechen, kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen. Zu spüren, dass wir nicht alleine sind, kann uns neue Hoffnung machen.

Wenn man in all unseren Kirchen dem Zuhören noch mehr Raum geben könnte! Es bräuchte mehr Orte und Zeiten, in denen Männer oder Frauen ganz einfach da sind, um zuzuhören.

Wenn wir uns jemandem anvertrauen, können wir auch freier beten. Wir fassen neues Vertrauen, dass Gott uns nahe ist. Wir werden sensibler für die anderen und können sie auch besser verstehen.

Jeden Donnerstagabend stellen wir die Barmherzigkeitsikone in die Mitte der Kirche. Sie erinnert uns daran, dass Christus uns gerade in unseren Wunden nahe ist. Und sie schenkt uns den Mut der Barmherzigkeit für andere.

Wir können eine erstaunliche Entdeckung machen: Menschen nahe zu sein, die leiden, heilt manchmal unsere eigenen Wunden. Oft sind in Wirklichkeit wir selbst die Beschenkten, wenn wir denen beistehen, die leiden.


Ich habe dies im vergangenen Dezember bei meinem Besuch in Syrien selbst erlebt. Ich möchte heute Abend davon erzählen, damit wir nicht nachlassen, für dieses leidgeprüfte Land zu beten. Der Frieden in diesem Land ist eine Voraussetzung dafür, dass so schreckliche Attentate wie in Nizza nicht mehr geschehen.

Gegen einen Krieg können wir vielleicht nicht viel ausrichten, aber das Wenige, das wir tun können, müssen wir auch tun. Ich habe mir letztes Jahr gesagt, dass es wichtig ist, wenigstens einigen Menschen dort unsere Solidarität zu zeigen und sie wissen zu lassen, dass wir für sie beten.

Eine Ordensschwester aus Syrien hatte mich eingeladen, Weihnachten in ihrem Land zu verbringen und mich in ihrem Kloster beherbergt. Ich habe die Menschen, die ich in diesem leidgeprüften Land Syrien kennenlernen konnte, immer noch vor Augen.

In der Stadt der Schwestern leben unzählige Flüchtlinge. Es gibt nicht genügend zu essen. Dennoch helfen viele Menschen mit, Essen zu verteilen. Ich werde niemals die muslimischen Frauen vergessen, die ich eines Morgens in einem Hinterhof traf – alle entweder schwanger oder mit kleinen Kindern – und die alle auf ihre Essensrationen warteten. Mehrere von ihnen wussten nicht, wohin man ihre Ehemänner gebracht hatte.

In Syrien bemühen sich Christen und Muslime, für die Kinder einen Schulunterricht zu improvisieren. Es geht darum zu verhindern, dass aufgrund des Krieges eine ganze Generation keine Ausbildung bekommt.

Die Schwestern haben einen Kindergarten aufgemacht. Das ist ein sehr beeindruckendes Zeichen. Wie der Prophet Jeremia in der Bibel, der einen Acker kauft, während Jerusalem von einer feindlichen Armee belagert wird; in ähnlicher Weise bringen die Schwestern zum Ausdruck, dass es auch für die Kinder in ihrem Land eine Zukunft gibt.

Ein Jugendlicher sagte mir: „Wir möchten als Glaubende verschiedener Religionen zusammenleben, aber man hört nicht auf uns, denn der Lärm der Waffen ist stärker.“

Ich habe dann die Weihnachtstage in Homs verbracht, wo unweit der Stadt gekämpft wurde. Was für ein Schock! Selbst wenn man Bilder von den Zerstörungen kennt, ist es ein unbeschreiblicher Schmerz, mit eigenen Augen eine Stadt zu sehen, deren eine Hälfte in Schutt und Asche liegt. Die Menschen haben alles verloren und haben keine Hoffnung mehr.

Ich konnte dort nichts weiter tun, als den Menschen zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen, und mit ihnen in einer kleinen Kapelle, die inmitten der Ruinen stehen geblieben war, an Weihnachten zu beten. Am Weihnachtsabend hatten einige Jugendliche eine Feier für die Kinder vorbereitet. Diese Jugendlichen zu sehen, hat mich tief bewegt: Sie wollten den Kindern einen Moment der Freude bereiten.

Von Syrien bin ich am Jahresende direkt nach Spanien zum Europäischen Treffen in Valencia gefahren. Dort habe ich davon erzählen, was ich in Syrien erlebt hatte. Uns Brüdern wurde klar, dass wir unsere Kontakte in den Nahen Osten noch vertiefen müssen. Wir haben hier zwei arabische Flüchtlingsfamilien aufgenommen, von denen die eine Christen aus dem Irak sind und die andere Muslime aus Syrien, aus der Gegend von Homs.

Wir freuen uns auch, dass junge Libanesen für mehrere Monate hier bei uns sind. Bis heute Morgen waren auch junge Palästinenser aus Bethlehem hier. Ich habe Manuella gebeten, heute Abend kurz etwas zu sagen.


Manuella: Wir sind glücklich, hier zu sein, so viele verschiedene Menschen kennenzulernen und euch von unserem Leben in dieser Zeit im Libanon erzählen zu können.

Im Libanon leben 18 verschiedene Konfessionen in ein und demselben Land zusammen. Dies ist ein lebendiges Zeugnis. Trotz der großen Unterschiede und der verschiedenen Strömungen in unserem kleinen Land, hofft man im Libanon, auch weiterhin ein Symbol der Pluralität im Nahen Osten zu sein.

Seit Langem bemüht man sich im Libanon um einen Dialog zwischen Christen und Muslimen. Unser Land ist für alle sichtbar ein Zufluchtsort für Tausende von Flüchtlingen geworden – Muslime und Christen, Frauen und Männer, Kinder und alte Menschen, vor allem aus dem Irak und Syrien. Wir tun auf diese Weise für fast 2 Millionen Flüchtlinge ganz einfach das, was wir für diese Menschen, die auch Söhne und Töchter Gottes sind, tun müssen.

Wir bitten euch, für unser Land und den ganzen Nahen Osten zu beten, und singen zum Abschluss noch ein Gebet auf Arabisch.

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