Rumänien, Karwoche und Ostern 2016

In Bukarest Ostern feiern

Der Frühling hat gerade begonnen und eine Gruppe junger Pilger aus 20 verschiedenen Ländern kommt nach Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Sie nehmen an einem „Pilgerweg zu den Quellen des Glaubens der orthodoxen Christen“ teil, um Kultur und Tradition Rumäniens kennenzulernen.

Manche sind noch bei Schneefall zu Hause abgefahren und staunen nun über das frühsommerliche Wetter; andere sind müde von einer dreitägigen Busfahrt, aber die herzliche Gastfreundschaft beeindruckt alle – das freundliche Lächeln, mit dem Gleichaltrige am Flughafen warten; ein Jugendlicher, der um 4.00 Uhr früh aufsteht, um einige Pilger am Busbahnhof abzuholen (und ihnen quer durch die Stadt nachfährt, weil der Bus nicht am vorgesehenen Ort ankam!); und schließlich die feinen Kuchen, die die Küchenschwestern im Patriarchat extra für uns gebacken hatten: Für Gäste ist in Rumänien das Beste gerade gut genug.

Wer rechtzeitig ankam, hatte noch Zeit, die erstaunlich kontrastreiche Stadt erkunden: mittelalterliche Straßenzüge neben modernen Boulevards; futuristische Bürogebäude und Shoppingzentren neben Monumentalbauten aus der kommunistischen Zeit, hinter denen sich Hunderte kleiner Kirchen und Klöster voll alter Ikonen, Wandmalereien und eine Stille verbergen, die man im Lärm der Stadt wenige Schritte entfernt nicht für möglich gehalten hätte.

Am gleichen Abend gab es einen Empfang in den Kirchengemeinden, ein Abendessen und die erste Kontaktaufnahme mit den Gastfamilien. Nach so vielen Jahren, in denen junge Rumänen bei den Europäischen Treffen von anderen Familien aufgenommen worden waren, möchten viele nun etwas zurückgeben. Aber es gibt auch eine große Zahl von Menschen, die nie vorher von Taizé gehört hatten und sich ohne zu zögern bereiterklärt haben, Jugendliche bei sich aufzunehmen. Dabei ist es in der Karwoche nicht gerade einfach, jemanden zu sich ins Haus zu bitten: In Rumänien muss man als Gastgeber immer nur das Beste und alles im Überfluss auftischen; doch für die orthodoxen Christen ist es eine strenge Fastenzeit, in der man weder Fleisch noch Fisch, weder Öl noch andere tierische Lebensmittel zu sich nimmt. Am Karfreitag und -samstag wird, wird – wenn möglich – überhaupt nichts gegessen. Viele Gastgeber waren beeindruckt, dass ihre jungen Gäste diesen Bräuchen folgen wollten: „Wir sind nicht gekommen, um die Tradition von außen zu betrachten, sondern um das Leben der Menschen in diesen Tagen zu teilen.“


Gründonnerstag: Komm und bete!

Am Donnerstag, dem ersten Tag unseres Pilgerwegs, kommen wir am Morgen alle in einer Kirche des Patriarchats in der Innenstadt zur Heiligen Liturgie (Eucharistiefeier) zusammen. Danach gibt es ein typisch rumänisches Mittagessen mit Kohlrouladen und Polenta, bevor es mit einer Einführung in die rumänische Kultur weitergeht: Bukarest besitzt mehrere sehr schöner Museen, von denen jeder leider nur eines besuchen konnte. Sehr bekannt sind die kunsthistorischen Museen der Stadt, die deutlich machen, wie wenig man im Ausland die reiche rumänische Kultur kennt. Der Parlamentspalast, ein Symbol der kommunistischen Diktatur, ist auch Zeugnis des künstlerischen Schaffens einer ganzen Generation von Rumänen, und weckt bei den Besuchern eher gespaltene Eindrücke. Doch die überwältigenden Ausmaße lassen niemanden gleichgültig. Ein Freilichtmuseum vermittelt den jungen Pilgern einen Eindruck vom Leben in einem traditionellen rumänischen Dorf – früher und heute. Das Herz Rumäniens schlägt immer noch in den Dörfern; man muss nur eines davon besucht haben, und man lernt Rumänien wirklich kennen.

Die Einladung zu diesem Pilgerweg hatte gelautet: „Komm mit den Brüdern nach Bukarest, um hier die Karwoche und Ostern zu feiern!“ Genauso haben wir auch unsere Zeit hier verbracht. Die Abendgottesdienste feierte jeder in seiner Gastkirchengemeinde. Die Liturgie war für die meisten von uns eine vollkommen neue Erfahrung: Wir konnten kein Wort verstehen und oft stundenlang zu stehen, war für uns eine wahre Herausforderung. Aber darauf hatten wir uns eingestellt. Die Schönheit der Gottesdienste ist atemberaubend. Katja, eine Teilnehmerin, drückte es so aus:

„Der Glaube und die orthodoxe Liturgie sind beeindruckend! Dies aus nächster Nähe mitzuerleben war unglaublich, aber nicht immer ganz so leicht. Die Gottesdienste sprechen alle unsere Sinne an; das ist sehr bereichernd, aber nach mehreren Stunden auch sehr anstrengend. Ich bin wirklich sehr dankbar, dies alles hier in Bukarest miterlebt zu haben.“

Das Dunkel in der Kirche und das Schweigen der Menschen schafft eine intensive Gebetsatmosphäre. Das letzte Licht des Sonnenuntergangs dringt durch die Kuppel des Kirchendaches ein, hoch über unseren Köpfen. Ein paar Kerzen flackern hier und da, und das Gold der Ikonen und der liturgischen Gewänder reflektieren das Licht. Der Priester beginnt, die Erste der zwölf Evangelienlesungen (ganze fünf Kapitel aus dem Johannesevangelium) zu singen. Die letzten Worte Jesu an seine Jünger überfluten uns und wir treten, genauso wie seine ersten Jünger, in die dramatischen letzten Stunden Jesu ein. Aber wir bleiben nicht beim Schrecken und der Ungerechtigkeit all dessen stehen: Die Geschichte spricht von der Liebe des Vaters und des Sohnes zueinander und der Liebe zu uns. Darin liegt die wahre Bedeutung des Kreuzes, ein alles übertreffender Akt der Liebe.

Karfreitag: Vom Tod zum Leben

Diesen Tag verbringt man mit der Familie und in der Gemeinde: Ostereier werden angemalt, die typischen Osterkuchen und andere Spezialitäten werden gebacken. Jugendliche aus den Gemeinden und von der orthodoxen Jugendorganisation zeigen uns verschiedene soziale Projekte, Orte der Hoffnung, verborgene Schätze; wir besuchen Alte und Kranke, als Zeichen der Solidarität, um mit ihnen die Freude über das Fest aller Feste zu teilen.

Tagsüber ist in der Mitte der Kirche ein Tisch aufgestellt. Der Priester bringt ein gesticktes Bild oder die Ikone des Grabtuches Christi, das auf den Tisch gelegt wird, unter dem nacheinander alle Gottesdienst Besucher dreimal hindurchkriechen – mit Christus symbolisch durch das Grab hindurch vom Tod in das neue Leben hinübergehen. Personen allen Alters nehmen daran teil: Der tiefe Respekt und die Anstrengung, die es viele kostet, unter dem Leintuch hindurchzukriechen, ist tief beeindruckend. Die Menschen kommen den ganzen Tag, von morgens bis abends, in die Kirche. Am Abend wird die Grablegung Christi gefeiert. Gemeinsam singen wir das lange Klagelied und folgen mit der Ikone des Grabtuches Christi und dem Kreuz der Prozession um die Kirche. Jeder erhält Blumen, die er als Zeichen dieses neuen Lebens, zu dem wir alle berufen sind, mit nach Hause nimmt.


Samstag: Das lange Warten

Im Evangelium sind die Frauen denen gefolgt, die Jesus begruben und „ sahen zu, wie der Leichnam ins Grab gelegt wurde. Dann kehrten sie heim und bereiteten wohlriechende Öle und Salben zu. Am Sabbat aber hielten sie die vom Gesetz vorgeschriebene Ruhe ein.“ (Lukas 23,55-56). Genauso haben auch wir Pilger uns in Bukarest ausgeruht.

Das Picknick im Park musste kurzfristig in die Theologische Fakultät verlegt werden, weil es zu regnen begann. Doch am Ende schien die Sonne den ganzen Tag. Durch diese Umstände konnte das Thementreffen über die Auferstehungsikone unter einem Fresko der Auferstehung in einem Flur der Universität stattfinden. Ein Bruder der Communauté und zwei junge Theologen aus der Stadt haben uns geholfen, die Ikone der „Höllenfahrt Christi“ zu verstehen.

‚ Die Bibel sagt klar und deutlich, dass wir uns von Gott weder ein Bild machen dürfen noch können – Gott geht über jegliche Vorstellung hinaus. Aber eine Ikone soll kein Bild Gottes sein. Paulus schreibt, dass „Christus das Abbild des unsichtbaren Gottes ist“ (Kolosser 1,15). Ikonen feiern Christus; jede von ihnen stellt einen anderen Aspekt unseres Glaubens an ihn dar.‘

Nach mehreren Tagen in der Stadt tut es gut, hinauszufahren und das Kloster von Cernica zu besuchen, das auf zwei kleinen Inseln in einem See vor den Toren der Stadt liegt. Für viele von uns waren die zauberhafte Umgebung und der herzliche Empfang durch einen der Mönche genug, um diesen Ausflug zum Höhepunkt des ganzen Pilgerwegs werden zu lassen.

Ausruhen: Morgen wird ein anstrengender Tag!


Sonntag: Die Freude der Auferstehung

„Langer Tag“ ist gar kein Ausdruck! Der Ostersonntag beginnt wortwörtlich um Mitternacht (in manchen Kirchen sogar schon etwas früher!). Die Menschenmenge versammelt sich vor den Kirchen, um von dort aus das Osterlicht mit nach Hause zu nehmen. Heutzutage kommen während der Karwoche eher weniger Leute zu den Gottesdiensten, aber an Ostern hat man den Eindruck, dass die ganze Stadt versammelt ist. Alle singen voller Freude: „Christus ist von den Toten auferstanden, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben gebracht.“ Dieser Gesang wird unzählige Male wiederholt und geht so in unser Herz ein, dass wir ihn nicht mehr vergessen können. Danach findet der feierliche Ostergottesdienst statt, während dessen die Kommunion länger zu dauern scheint als der ganze übrige Gottesdienst. Unzählige Menschen haben sich darauf vorbereitet. Und endlich können wir nach drei langen Tagen wieder essen (auch wenn uns unsere Gastgeber niemals hungern ließen!). Die Leute schlagen Eier gegeneinander und wünschen sich dabei „Hristos a înviat – Adevărat a înviat“, Christus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden. Sieben Wochen lang, bis Pfingsten, wird man sich so grüßen.

Nach ein paar Stunden Schlaf nehmen wir an den Ostergottesdiensten der anderen Konfessionen teil. Und am Nachmittag dann die Vespergottesdienste – das „Zweite Ostern“. Das Evangelium wird in neun Sprachen gesungen. Danach richtet sich der Bischof auf Englisch an die Pilger und erspart auf diese Weise den schon etwas übermüdeten Übersetzern die Arbeit. Er hat eine sehr schöne Botschaft an die Gläubigen und auch an uns Gäste: In Christus sind wir alle vereint, er möchte, dass wir eins seien.

Wir laufen nach Hause zum Mittagessen in unsere Gastfamilien, bevor es zum Treffen mit dem Patriarchen geht: Seine Heiligkeit, Patriarch Daniel, empfängt uns im wiedererrichteten „Saal des christlichen Europa“, der Mosaike der Östlichen und Westlichen Kirchenväter an der Decke aufweist. Er ermutigt uns und hat natürlich auch etwas zu Essen für uns: „Pasca“, den traditionellen Osterkuchen.

Zu Fuß geht es danach weiter – quer durch die Stadt – zum Römisch-Katholischen Dom, wo ein Abschlussgebet mit Gesängen aus Taizé stattfindet. Alle sind da: die jungen Pilger, die Jugendlichen der Stadt und der weiten Umgebung, die Freiwilligen und die Jugendlichen aus den Gastgemeinden. Plötzlich heißt es, Abschied zu nehmen und wieder nach Hause zu fahren, um auch dort die Gute Nachricht zu verkünden, dass Christus wirklich auferstanden ist!

Printed from: http://www.taize.fr/de_article20627.html - 16 June 2019
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