Moldawien, Februar 2016

Kommt im Frühjahr wieder!

Ein Bruder der Communauté war kürzlich für eine Woche in Moldawien:

Von einigen Ländern ist ständig die Rede, von anderen nur dann, wenn es dort Probleme gibt. Und dann gibt es da noch Länder, die eigentlich gar nicht existieren, weil kaum jemand weiß, wo sie überhaupt liegen: „War es nicht in Moldawien, wo Tim und Struppi nach dem Zepter von König Ottokar gesucht haben? Gibt es das Land wirklich?“

Natürlich haben manche Leute schon von Moldawien gehört, sogar solche, die nicht in diesem Teil Europas leben. „Ist das nicht ein sehr armes Land? Gibt es dort nicht riesige Probleme mit Menschenhandel? War da nicht erst vor Kurzem Krieg? Hat nicht ein Teil des Landes seine Unabhängigkeit erklärt? Da war doch kürzlich was im Fernsehen – Leute, die das Parlament stürmen; kann man da wirklich hinfahren?“ Nun, in all dem liegt ein Stückchen Wahrheit …, aber wie sieht Moldawien, hinter all den Klischees und Vorurteilen, wirklich aus?

Das sollte Grund genug sein, dieses Land zu besuchen, um den Menschen einfach nur zu sagen: „Wir haben euch nicht vergessen, auch wenn es schon 15 Jahre her ist, dass wir das letzte Mal hier waren! Wir denken an euch und beten für euch!“

Moldawien liegt wie in einem Sandwich zwischen den großen Nachbarn Rumänien und der Ukraine. Das gibt den Menschen das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben: „Dem Westen“ und der ehemaligen Sowjetunion. Für die Regierungen und die Kirchen ist das oft wie ein politisches Fußballspiel.

Ich war beeindruckt, wie friedlich die Menschen in diesem Land trotz der ethnischen, sprachlichen und kirchlichen Unterschiede zusammenleben. Immer wieder hört man die Menschen auf Rumänisch, dann plötzlich auf Russisch und auf einmal wieder Rumänisch sprechen. Obwohl es zwischen den Kirchen keine offiziellen Kontakte gibt – privat bestehen auf allen Ebenen viele Beziehungen zwischen den offiziell getrennten Christen. Dort kann man erkennen, dass Gott am Werk ist – in den einfachen Augenblicken des täglichen Lebens.

Natürlich darf man nicht übersehen, dass es Spannungen gibt und das Leben für die Menschen oft sehr schwierig ist. Obwohl nach außen hin alles gespalten und hoffnungslos erscheint, im persönlichen Kontakt kann man eine Gemeinschaft zwischen den Menschen spüren. Sie möchten zusammengehören – und sie gehören zusammen. Auch wenn es momentan nicht so rosig aussieht: Eigentlich ist Moldawien ein sehr schönes Land und der Eindruck, den ich von dort mitgenommen habe, ist der von Frieden.

Ich staune noch immer, wie viele verschiedene Menschen ich in einer Woche kennengelernt habe. Über die Jahre hinweg sind viele Freundschaften entstanden, durch Besuche in Taizé und kleine Gruppen treuer junger Menschen, die in den letzten Jahren zu den Europäischen Treffen gekommen sind.

Ich war die meiste Zeit in der Hauptstadt Kischinau, der man mit ihren breiten Boulevards und Monumentalgebäuden heute noch ansieht, dass sie aus Sowjetzeiten stammt. Aber Kischinau ist auch eine der grünsten Städte auf der Welt, mit riesigen Parks und langen Alleen. Dies spiegelt sich auch in den Menschen wieder: Das kommunistische Erbe ist noch überall spürbar, aber es gibt dahinter noch etwas Tieferes, einen lebendigen Einklang mit der Schöpfung. Der tiefe Glaube vieler Menschen in diesem Land bezeugt dies.

Ich nahm an mehreren Gottesdiensten in der katholischen Gemeinde – darunter ein Gebet mit Gesängen aus Taizé, das wunderbar vorbereitet worden war – teil und wurde überall sehr herzlich aufgenommen. Auf dem Programm standen Treffen mit Jugendlichen und etwas älteren Menschen. Es ist eine kleine, aber sehr aktive Gemeinde, die erst nach der Wende 1990 zu neuem Leben erwacht ist.

An einem Abend hatten mich die Jugendlichen der „Casa Concordia“, einem Haus für Kinder und Jugendliche ohne Eltern, eingeladen. Ein österreichischer Pfarrer hatte dieses Haus gegründet, das sich sehr harmonisch in die Kultur des Landes einfügt. Wir saßen im Keller vor einem knisternden Feuer, erzählten einander und sangen. Ich sprach von Taizé – und sie sprachen davon, wie sie als Gemeinschaft zusammenleben. Das war so spannend, dass wir völlig die Kekse vergaßen, die sie extra für diesen Abend besorgt hatten!

Eine andere NRO, die sich um Kinder aus sozial schwachen Gegenden kümmert, hatte kurz zuvor ihre Räumlichkeiten verloren. Aber sie fanden ganz unerwartet eine leere Wohnung, die sie mit großem Eifer wohnlich einrichten. Und das hat sich ganz augenscheinlich gelohnt: Man spürt, wie wohl sich die Kinder dort fühlen, glücklich und in Sicherheit: Eine Gruppe von Kindern machte mit einem Freiwilligen gerade ihre Hausaufgaben. Andere bastelten Karten, die sie verkaufen wollten, um ihr Projekt am Leben zu erhalten. Und wir hatten auch Zeit, im Treppenhaus einen Papierflieger steigen zu lassen und die besten Äpfel zu essen, die ich je gegessen habe, und die sie im Park hinter den Wohnblocks gepflückt hatten.

Ich war auch in einigen Dörfern. Auf dem Land sind die Leute wirklich arm, aber ich habe schon seit längerem Kontakt mit zwei orthodoxen Kirchengemeinden, die mit beeindruckenden Hilfsprogrammen die örtliche Bevölkerung unterstützen: Suppenküchen, Kindergärten, Kurse zum Ikonenmalen, sonntäglichen Religionsunterricht, Blutspendeaktionen, Aufklärungskampagnen über Aids und andere Gesundheitsprobleme, ökologische Pilgerwege, Freiwilligenfortbildung, und so weiter und so weiter…

Für 36 Stunden war ich auch in Transnistrien, der abtrünnigen Republik auf der Ostseite des Flusses Dnister, wo ich in Tiraspol und in Rîbnița zwei ausgesprochen begeisterte Jugendgruppen traf, die ein Gebet vorbereitet hatten. Einer der Pfarrer hatte sich für einen ganzen Tag freigenommen, um mir die Gegend zu zeigen, wodurch ich vieles besser verstand. Er hatte eine so herzerfrischend einfache und unaufdringliche Art! Aber am meisten beeindruckt hat mich sein Lebenszeugnis, dem Ruf des Evangeliums zu folgen und von Zuhause aufzubrechen, um den Menschen in ihrer oft schwierigen Lage hier beizustehen.

Ich durfte auch eine Nacht in einem orthodoxen Kloster verbringen: Noul Neamț war von Mönchen aus dem anderen Teil Moldawiens gegründet worden, der heute zu Rumänien gehört. Sie brachten damals die geistliche Tradition des Heiligen Paisie Velichovsky, einem hochverehrten Geistlichen aus dem Neamț-Kloster, der bei der Erneuerung des monastischen Lebens in Moldawien und Rumänien im 18. Jahrhundert eine große Rolle gespielt hat. Das Dorf steht unter transnistrischer Verwaltung, die Bewohner sind mehrheitlich Russen, aber die Mönche kommen aus verschiedenen Gegenden – genauso wie es bereits zur Zeit des Heiligen Paisie der Fall war. Die zweisprachige Liturgie im Kloster war eine sehr schöne Erfahrung: zu hören, wie die Mönche übergangslos von einem Gesang zum anderen zwischen Rumänisch und Slawonisch hin und her wechseln.

Als ich an einem sonnigen und ungewöhnlich warmen Februarnachmittag in Kischinau ankam, sagte ich zu den Jugendlichen, die mich am Flughafen abholten, als Erstes: „Es ist sehr schön hier!“, worauf ich zur Antwort bekam: „Ja, aber Sie sollten erst einmal im Frühjahr hier sein!“ Die Menschen sind stolz auf ihr Land und wollen es anderen gerne von seiner besten Seite zeigen.

Die Menschen, denen ich begegnet bin, haben oft nicht sehr viel Hoffnung. Dennoch laden sie einen ein, bald wiederzukommen, wenn es noch schöner ist. Ein Gast von auswärts sieht das Gute oft deutlicher. Aber man macht den Menschen als Gast auch ein Geschenk; und in diesem gegenseitigen Geben ist Gott gegenwärtig. Deshalb müssen wir uns gegenseitig besuchen!

Printed from: http://www.taize.fr/de_article20381.html - 18 July 2019
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