Brasilien, im Oktober 2015

Pilgerweg des Vertrauens in Salvador de Bahia

Eine „Jornada da Confiança“ (Tage des Vertrauens), wie man in Brasilien die Jugendtreffen auf dem Pilgerweg des Vertrauens nennt, fand vom 9. bis 12. Oktober in Salvador de Bahia, im Nordosten des Landes statt. Fast 500 Jugendliche aus verschiedenen Städten der Bahia und darüber hinaus nahmen teil; zwei Jugendliche kamen sogar aus Bolivien.

Das Abenteuer begann damit, dass Ende Mai Jugendliche aus der Kirchengemeinde der „Lapinha“ nach Alagoinhas – 120 km von Salvador entfernt – kamen, wo Brüder der Communauté seit fast 40 Jahren leben. Sie haben davon gehört, dass Brüder vor Jahren Jugendtreffen in verschiedenen Städten des Landes organisiert hatten, und wollten so etwas Ähnliches in ihrer eigenen Gemeinde vorbereiten.

In den letzten Monaten waren die Brüder in der Fraternität in Alagoinhas nur zu zweit, weshalb sie die Vorbereitung dieses Treffens nicht so intensiv begleiten konnten. Aber man besuchte sich zweimal gegenseitig. In einer armen Kirchengemeinde gibt es ganz andere Probleme zu lösen: Es gab Momente, als die Jugendlichen wegen der materiellen Schwierigkeiten aufgeben wollten; dann wiederum gerieten sie bei einer anderen Angelegenheit untereinander in Streitereien, was auch hin und wieder vorkommt. Aber sie haben das durchgestanden und nach dem Treffen festgestellt, welchen Weg des Vertrauens, der Ausdauer und des Glaubens sie in diesen vier Monaten der Vorbereitung gegangen sind.

Karine, 19 Jahre alt, lebt in Alagoinhas und kennt die Fraternität der Brüder gut. Sie gehört einer Freikirche an, hat in diesen vier Monaten andere Städte der Bahia besucht, um zur Jornada einzuladen, und zum Schluss hat sie auch noch die Fahrt der Jugendlichen aus Alagoinhas nach Salvador organisiert. Karine berichtet:

„In diesen vier Tagen des Treffens haben wir das Unverhoffte erlebt: Alles war bereit. Nicht alles war so, wie ich es gedacht hatte, aber ich war glücklich als ich sah, dass die, die da waren, glücklich waren.“
Mit so viel Liebe und Aufmerksamkeit empfangen zu werden, ist ein unvergessliches Erlebnis, und ich bin wirklich dankbar für die Momente des Miteinanderteilens, des Lachens, der Stille, und auch für die Begegnung mit Menschen, die ich vorher nie gesehen hatte, und die fortan ein Teil meiner eigenen Geschichte sind.
Ich weiß noch gar nicht, was mich in Wirklichkeit so beeindruckt hat, aber ich kann jetzt immerhin schon sagen, dass dieses Treffen mich sehr verändert hat. Ich hoffe, noch öfter eine solche Gelegenheit zu bekommen. Jetzt weiß ich, was ein „Pilgerweg des Vertrauens“ ist. Und dieser Pilgerweg ist heute nicht zum Stillstand gekommen, diese vier Tage waren erst der Anfang eines weit größeren Pilgerwegs, den wir noch vor uns haben.


Einer der Brüder schreibt nach dem Treffen:

Ich bin vier Tage vor dem eigentlichen Treffen in Salvador angekommen; das ließ mir gerade noch Zeit, die Kirchengemeinde und die Jugendlichen, die alles vorbereitet hatten, etwas kennenzulernen. Es ist eine eher ärmliche Gemeinde in der Altstadt von Salvador, unmittelbar oberhalb des Hafens. Die Gemeinde ist sehr lebendig, alle Generationen sind vertreten, und fast jeden Abend trifft sich eine der Gruppen in der Kirche. Zusammen mit einem knappen Dutzend Jugendlicher, die den „harten Kern“ der Vorbereitungsgruppe bildeten, haben wir die ganze Woche über im Pfarrhaus gewohnt.

Besonders beeindruckt hat mich, wie die Erwachsenen die Jugendlichen sehr diskret – aber treu – begleiten. Sie drängen sich nie in den Vordergrund, sondern helfen den Jugendlichen; sie wussten nichts besser, waren aber da, sobald ihre Hilfe gefragt war. Die Erwachsenen haben sich vor allem um die – gekochte! – Verpflegung gekümmert, weshalb einige von ihnen von sechs Uhr morgens bis um Mitternacht beschäftigt waren.

Während des Treffens selbst waren die Jugendlichen in einer Schule untergebracht. Dies hatte mich zunächst verwundert, weil ich weiß, wie groß die Gastfreundschaft der Familien ist. Aber ich habe schnell verstanden, dass die Situation, besonders abends in den Straßen von Salvador, keine andere Lösung zuließ und die Jugendlichen abends nicht alleine zu den Familien nach Hause hätten gehen können.

Für die 500 Jugendlichen aus den anderen Teilen der Bahia war bereits die Organisation der Reise ein wahres Abenteuer. Sparen wäre keine Lösung gewesen: Wer nichts hat, kann auch nicht sparen. Es geht darum, Geld zu verdienen. In Alagoinhas zum Beispiel haben die Jugendlichen wochenlang Obstsalat gemacht und nach dem Gottesdienst verkauft, um ihre Fahrt nach Salvador zu finanzieren.

Das Samstagabendgebet begann in der Dreifaltigkeitskirche in der Nähe der Gemeinde, unweit des Hafens. In dieser großen und sehr heruntergekommenen Barockkirche hat ein Franzose, Erik, vor 15 Jahren die Erlaubnis bekommen, Obdachlose aufzunehmen. Mittlerweile ist um eine kleine Gruppe von Personen, die dem Ruf gefolgt sind, ihr Leben mit diesem Menschen zu teilen, die „Gemeinschaft der Dreifaltigkeit“ entstanden, zu der Männer und Frauen gehören, die viele Nächte ihres Lebens auf der Straße verbracht haben und alles durchgemacht haben, was dies für das eigene Leben mit sich bringt. Sie versuchen nun, ihren Brüdern und Schwestern ein Obdach zu bieten, die die Worte Jesu noch nicht vernommen haben: „Stehe auf und geh!“ und es nicht geschafft haben, von Drogen und Alkohol loszukommen. Die meisten von ihnen schlafen im großen Kirchenraum auf Kartons, die sie am Morgen zusammenlegen und sorgfältig beiseite räumen … Dreimal am Tag findet ein Gebet statt, das sehr an Taizé erinnert.

An diesem Ort sollte das Samstagabendgebet weitergehen. Dorthin zu gelangen war ein weiteres Abenteuer für die Jugendlichen: Man musste gemeinsam einen Abhang hinunter, dann einen offenen Abwasserkanal entlanggehen, der am Überlaufen war, einen Fischmarkt mit dem ihm eigenen Gerüchen durchqueren und schließlich noch unter einer Brücke hindurchmarschieren, wo Obdachlose gerade dabei waren, ihr Nachtlager herzurichten. Bei ihrer Ankunft in der Kirche wurde den Jugendlichen erst bewusst, wo sie gerade überall durchgekommen waren. Sie waren auch ganz erstaunt, als sie sahen, dass in der Kirche, die sie betraten, Menschen schliefen. Das Osterlicht wurde mit kleinen Kerzen von ehemaligen Obdachlosen weitergegeben, die die Jugendlichen in einer langen Prozession in die Gemeindekirche zurücktrugen, wo das Abendgebet weiterging. Diese Erfahrung hat die Jugendlichen, die in ihrem eigenen Leben oft mit sehr schwierigen Situationen zurechtkommen müssen, tief beeindruckt.

Am Sonntagmorgen kam der Weihbischof, um den Sonntagsgottesdienst mit den versammelten Jugendlichen zu feiern. Im Anschluss daran sprach er davon, wie schön es wäre, wenn viele Kirchengemeinden seiner Stadt Salvador die ähnliche Erfahrung eines solchen Treffens machen könnten. Er war sehr dankbar, dass den jungen Leuten so viel Vertrauen entgegengebracht wurde.

In Brasilien fällt es vor allem jungen Menschen schwer, Sinn und Halt im Leben zu finden, was durch die wirtschaftliche und politische Situation im Land noch verstärkt wird. Brasilien hatte jahrzehntelang größte wirtschaftliche Schwierigkeiten und befand sich plötzlich unter den großen, sich schnell entwickelnden Schwellenländern. Mittlerweile ist es wieder – zum großen Teil aufgrund der Führungsschicht, die sich als genauso korrupt herausgestellt hat wie die Vorgänger – in einer schwierigen Lage versunken. Dies fördert die Hoffnungslosigkeit unter den Jugendlichen und trägt sicherlich leider auch zum Ansteigen der Gewalt in Brasilien bei.


Émile, der die Jornada ebenfalls federführend mit vorbereitet hat, schrieb einige Tage später:

„Welche Freude, andere Jugendliche bei sich aufzunehmen und dazu beizutragen, dass die Liebe Gottes sie berührt und sie eine tiefe Erfahrung des Gebets machen können!“

Printed from: http://www.taize.fr/de_article19771.html - 13 December 2019
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