Barmherzigkeitsikone

Im Jahr 2015 begeht die Communauté von Taizé den 75. Jahrestag ihrer Gründung, den 100. Geburtstag ihres Gründers, Frère Roger, sowie den 10. Jahrestag seines Todes. Das Jahr steht unter dem Thema „Auf dem Weg zu einer neuen Solidarität“. Aus diesem Anlass ließ die Communauté eine Ikone anfertigen, die die Geschichte des barmherzigen Samariters erzählt. Dieser Bibeltext aus dem 10. Kapitel des Lukasevangeliums gibt ein konkretes Beispiel gelebter Solidarität. Die Ikone entstand in der französischen Ikonenwerkstatt Johannes Damascenus.
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Beschreibung der Ikone

Den Mittelpunkt der Ikone bildet Christus. Er steht aufrecht und ist mit einem weiß-grünlichen Gewand bekleidet. Sein schönes Gesicht und der offene Blick heben sich vom übrigen Körper ab. Die rechte Hand macht eine segnende Geste, die linke hält ein offenes Evangelium, das die griechischen Buchstaben Alpha und Omega zeigt.

Christus ist von einer rot-blauen Mandorla umgeben, die von weißen und goldenen Streifen gesäumt wird. Diese Mandorla ist von einem breiten weißen Band eingerahmt, das sechs regelmäßig angeordnete Kreise mit der Mandorla verbindet. In diesen Kreisen sind sechs Szenen des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter dargestellt.

Das erste Bild links oben zeigt die zwei Verbrecher, die ihr Opfer niederschlagen. Auf dem zweiten Bild links in der Mitte ist der Verletzte zu sehen, neben ihm ein Priester und ein Levit, die im Gebet versunken vorbeigehen, aber den am Boden Liegenden nicht beachten. Danach kommt der barmherzige Samariter mit seinem Esel, beugt sich herab und hebt den Mann auf. Er versorgt dessen Wunden. Auf dem fünften Bild liegt der Verletzte auf einem Bett in der Herberge, der barmherzige Samariter neben ihm. Auf dem sechsten und letzten Bild sitzen das Opfer, der barmherzige Samariter und der Herbergsbesitzer gemeinsam bei Tisch.

Oberhalb und unterhalb der Christus-Mandorla sind vier anbetende Engel dargestellt. Drei von ihnen sind in roter, der vierte in grünlicher Farbe gehalten. Die beiden Engel im oberen Teil der Ikone verbindet ein rotes, geschwungenes Band, die beiden Engel im unteren Teil ein grünes Band. Auf ihnen ist zu lesen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)


Auslegung

Der weiß gekleidete Christus ist der himmlische, verklärte Christus, so wie er am Ende der Zeiten kommt. Durch seine Gegenwart segnet er uns und erzählt uns die Geschichte des barmherzigen Samariters. Die Mandorla deutet das Geheimnis Gottes an, das wir nicht verstehen. Aber der wie ein Säugling weiß gekleidete Christus kommt uns entgegen und offenbart uns Gott.

Auf den sechs Bildern, die das Gleichnis erzählen, ist das Opfer ebenfalls in weißer Kleidung dargestellt: Christus ist im verletzten Menschen gegenwärtig, der auf unsere Hilfe angewiesen ist. Auf mehreren Bildern erinnert die Körperhaltung des Opfers an Szenen der Leidensgeschichte Christi (die Geißelung, die Kreuzabnahme). Der barmherzige Samariter ist grün gekleidet, eine Farbe, die auf die Gegenwart des Heiligen Geistes hindeutet. Es ist nicht leicht, Bedürftigen zu helfen, aber der Geist kommt uns dabei zu Hilfe und handelt durch uns hindurch.

Auf dem ersten Bild sind drei Gestalten zu sehen: die zwei Verbrecher und das Opfer. Das Bild zeigt uns eine entstellte Dreifaltigkeit. Es erinnert an den Mord Kains an seinem Bruder Abel zu Beginn der Bibel und deutet auf diese Weise die durch die Sünde zerbrochene Harmonie an. Der als Abbild Gottes geschaffene Mensch gleicht ihm nicht mehr. Auf dem letzten Bild sind ebenfalls drei Personen zu erkennen, die um einen Tisch versammelt sind, auf dem ein Kelch steht – ähnlich wie auf der Dreifaltigkeitsikone: Die Harmonie der Trinität ist wiederhergestellt. Eine Frömmigkeit, die den Nächsten vergisst – wie in der Figur des Leviten und des Priesters, die an dem Verletzten vorbeigehen –, ist lediglich Götzendienst. Die Liebe, die konkrete Nächstenliebe des barmherzigen Samariters, macht die Menschheit wieder Gott ähnlich.


Künstlerischer Stil

Die Ikone wurde nach den Regeln der traditionellen Ikonographie der orthodoxen Kirche gemalt: Eitempera und Goldgrund auf Holz mit Lefka (weiße Kreidegrundierung). Wie die meisten Ikonen entspricht sie der byzantinischen Kunst. Die Kunst der Ikonenmalerei ist jedoch nicht dem christlichen Osten vorbehalten; deshalb wurden in die Darstellung Christi und in die Gesamtkomposition der Ikone Elemente der westlichen Kunsttradition – insbesondere der aus Burgund – aufgenommen: Die Darstellung Christi erinnert zum Beispiel an die Kapelle der Mönche von Berzé oder die Tympana an die romanischen Kirchen, wie zum Beispiel in Vézelay. Die Gesamtkomposition – insbesondere die Anordnung der Bänder rund um die Mandorla – geht auf die mittelalterliche Buchmalerei zurück.

Der künstlerische Wert der Barmherzigkeitsikone besteht vor allem darin, dass sie keine Kopie einer traditionellen Darstellung ist, sondern eine Neukomposition. Aus der Betrachtung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter ist ein Bild entstanden, das uns durch seine Formsprache und seine Farben einen neuen Zugang zum Evangelium ermöglicht. Die Ikone ist somit Teil der lebendigen Tradition, durch die der Heilige Geist uns immer wieder aufs Neue den Glauben entdecken lässt.

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