Den Jugendlichen in Ozeanien zuhören

Im Hinblick auf das Jahr 2015, in dem für die Communauté mehrere Jahrestage zusammenfallen, schlug Frère Alois vor, in den drei Jahren davor besonders über „Wege zu einer neuen Solidarität“ nachzudenken. Auf diese Weise soll unser Einsatz für zwischenmenschliche Solidarität im Lichte des Evangeliums einen neuen Schwung erhalten. Gleichzeitig kündigte Frère Alois an, dass in diesem Zeitraum von drei Jahren auf allen Kontinenten Jugendtreffen stattfinden würden.

Nach verschiedenen Begegnungen im Jahr 2012 in Afrika, 2013 in Asien und 2014 in Nord- und Mittelamerika, fuhr Frère Alois mit einigen Brüdern der Communauté im Februar 2015 zu einer letzten Etappe dieses Pilgerwegs nach Australien und Neuseeland. Einer der Brüder berichtet im Folgenden von diesen Besuchen.

Gebet in Melbourne, Foto: Kit Haselden

Ein Pilgerweg auf der anderen Seite der Erde

In Melbourne wurden wir bei unserer Ankunft von Vertretern der australischen Ureinwohner feierlich begrüßt. Vicki, die selbst aus der Gegend des Lake Mungo in New South Wales stammt, leitete die Feier. Sie hatte in einem Schal, der früher einmal ihre Mutter gehörte, aus ihrer Heimat Erde mitgebracht; das Ganze transportierte sie in einem „Coolamon“ , dem ausgehöhlten Stück eines Baumes, in dem man normalerweise Kinder, Wasser oder andere wertvolle Gegenstände trägt. Zusammen mit anderen Aborigines streute sie uns etwas Erde in die Hände – wir schlossen die Augen und sie betete, dass uns das Land ihrer Vorfahren aufnehmen möge. Während ihres langen Gebets behielten wir die Erde in unseren Händen, um sie danach wieder in den „Coolamon“ zu streuen. Im Anschluss daran fand ein gemeinsames Gebet mit Gesängen aus Taizé statt. Einer der Verantwortlichen sagte uns später, dass dieses meditative Gebet ganz ihrer Tradition entsprach.

Am selben Tag kamen ein gutes Dutzend Jugendlicher, die alle schon einmal in Taizé waren, und aus verschiedenen Kirchen stammen, zu einem Picknick zusammen. Sie hatten für den nächsten Tag ein Treffen für Jugendliche aus dem ganzen Bundesstaat Victoria und darüber hinaus vorbereitet: Morgengebet und anschließende Bibeleinführung in der Wesley Church, deren Pfarrer in den 70er-Jahren längere Zeit als Freiwilliger in Taizé mitgelebt hatte, Mittagsgebet in der St. Francis Kirche, Thementreffen am Nachmittag und Abendgebet in der anglikanischen Kathedrale. Die Vorbereitung der Mahlzeiten hatten junge Flüchtlinge aus Birma übernommen.

Am Sonntag empfing uns in Brisbane der katholische Erzbischof und sprach davon, welch große Rolle die Texte Frère Rogers für ihn in seinem Leben bedeutet haben. Das Abendgebet im Dom hatten Jugendliche vorbereitet, die kaum etwas von Taizé wussten, aber dennoch einen sehr schönen musikalischen Rahmen schafften.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Neuseeland, wo man uns unmittelbar nach der Ankunft in die Nähe von Wellington, in der Region von Otaki, in ein Dorf namens Rangiatea brachte. Wir trauten unseren Augen kaum: 200 Menschen warteten vor der Kirche auf uns, die für die anglikanischen Christen vom Stamm der Maori als Kathedrale dient. Die Frauen stimmten ein Lied an und führten uns in einer Prozession in die Kirche. Der Pfarrer der anglikanischen Maori-Gemeinde und der Bischof von Wellington begrüßten uns nach altem Brauch und wir improvisierten daraufhin ein gemeinsames Gebet mit unseren Gesängen.

Die Kirche ist im Stil der traditionellen Versammlungsräume der Maori gebaut, die üblicherweise den Namen eines Stammesältesten tragen. Für die Christen hat Christus die Rolle dieses Stammesältesten, er ist es, der uns in seinem Leib zusammenführt. Die Dachbalken stellen die Rippen Jesu dar, die drei Mittelpfeiler die Dreifaltigkeit und die Wände sind mit unzähligen Sternen geschmückt, die für die Maori sakrale Bedeutung haben und die an die Verheißung an Abraham erinnern. Nach dem Gebet brachte uns der anglikanische Pfarrer in die in der Nähe liegende katholische Kirche. Diese Orte sind für die Maori von großer Bedeutung; und wir beteten vor der Versöhnungsmauer im Vorhof der Kirche.

Von dort ging es weiter in eine abgelegene anglikanische Gemeinde. Mitglieder der Arche-Gemeinschaft kamen dorthin zum Gebet. Am nächsten Abend fand im katholischen Dom von Wellington ein Thementreffen statt, auf das ein gemeinsames Gebet in der anglikanischen Kathedrale folgte. Die Schwestern von Mutter Teresa waren mit einer Gruppe Jugendlicher gekommen, die von den pazifischen Inseln stammen und jetzt in einem Armenviertel der Stadt wohnen.

In Christchurch auf der Südinsel erwartete uns die anglikanische Bischöfin Victoria Matthews, die bereits zweimal in Taizé war. Sie plant, im Juli 2016 mit einer Gruppe Jugendlicher erneut nach Taizé zu kommen.

Die Stadt ist noch von den Folgen des Erdbebens im Jahr 2011 gezeichnet: Das Stadtzentrum wurde bis heute nicht wieder aufgebaut, von den beiden Kathedralen sind nur noch Ruinen übrig . Viele Menschen leiden immer noch unter dem, was sie erlebt haben. Aber es ist dennoch berührend zu sehen, wie durch diese Katastrophe Solidaritätsinitiativen zwischen den verschiedenen Kirchen entstanden sind.

Am Abend fand ein Abendgebet in der „Transitional Cathedral“ statt, die im Volksmund auch „Pappkathedrale“ genannt wird, und unmittelbar nach dem Erdbeben von einem japanischen Architekten errichtet wurde. Das Gebet vor dem Kreuz war an diesem Abend besonders bewegend.

Am Freitag ging es dann zurück nach Australien, wo nördlich von Adelaide ein Treffen mit Studenten einer Anglikanisch-Katholischen Schule stattfand, das mit einem Abendgebet in der „Uniting Church“ zu Ende ging. Von hier sind 2013 zwanzig Jugendliche zusammen mit einigen Aborigines nach Taizé gekommen.

Am Samstag erkundeten wir dann das „Outback“, die endlose Steppenlandschaft Australiens, die allmählich in Wüste übergeht. Pilgerweg zum Stamm der Adnyamathanha, den „Felsenmenschen“. Auntie Denise, eine der Stammesältesten, war bereits 1980 in Taizé, und ihre eigene Tochter vor zwei Jahren. Sie erzählte, wie sie unsere Gesänge in ihre Sprache übersetzte, und dabei den geistlichen Wortschatz ihrer Kultur wiederentdeckte. Sie kann so wunderbar erzählen, vor allem die sogenannten „Traumzeit-Legenden“, die nicht nur Geschichten aus der Vergangenheit sind, sondern auch eine Bedeutung für das Leben heute haben. In ihnen geht es in erster Linie um den Bezug zwischen der Erde und dem inneren Leben. Das geistliche Leben der Vorfahren hat Christus den Weg bereitet; Gott war bereits vor der Verkündigung des Evangeliums bei diesen Menschen.

Am Sonntag, früh morgens, erzählte sie uns bei Sonnenaufgang die Schöpfungsgeschichte. Wie die Sonne, die niemals ausbleibt und jeden Tag aufgeht, so geht auch das Licht Christi auf und hilft uns, den richtigen Weg zu finden.

Die Aborigines werden bis heute immer weiter zurückgedrängt: 150 Gemeinschaften werden auf staatlichen Druck hin aufgelöst, wobei finanzielle Interessen und die Bodenschätze ihres Landes eine Rolle spielen. Auntie Denise betet mit den Worten „Jesus, remember me“, weil sie den Eindruck hat, man hat ihr Volk vergessen.

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