Armenien, März 2014

Eine reiche Kultur mit christlichen Wurzeln

Im März besuchte ein Bruder der Communauté für zehn Tage Armenien. Hier sein Reisebericht:


Bereits seit einiger Zeit bestand eine Einladung der Armenischen Apostolischen Kirche, einer altorientalischen orthodoxen Kirche unter Katholikos Karekin.

Armenien ist ein kleines Land im südlichen Kaukasus, an der Grenze zwischen Europa und Asien, das seit 1991 unabhängig ist. Es gilt als das erste Land überhaupt, das den christlichen Glauben angenommen hat – vermutlich im Jahre 301. Seit dieser Zeit sind die Armenier sehr stark mit ihrem Glauben verbunden. Er hat ihre Identität geprägt, die sie in einer oft feindlichen Umgebung über all die Jahrhunderte hinweg bewahrt haben.

Das Land ist in allen Richtungen von hohen Bergen umgeben. Von der Hauptstadt Jerewan und von Etschmiadsin aus, dem Sitz des Katholikos, hat man einen imposanten Blick auf den Berg Ararat an der türkischen Grenze.

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Berg Ararat

Unsere Freunde von der Armenischen Apostolischen Kirche brachten mich im Etschmiadsin unweit der Kathedrale unter, so dass sich morgens und abends an den Gottesdiensten mit den Bischöfen, Priestern, Diakonen und Gläubigen teilnehmen konnte. Ich war beeindruckt von der Gebetsatmosphäre und den schönen, uralten Gesängen. Nicht nur von Katholikos selbst, sondern auch von allen anderen, wurde ich überall sehr herzlich empfangen.

An verschiedenen Orten erwarteten mich Jugendgruppen, die großes Interesse zeigten, ihren ausländischen Gast kennenzulernen. Ich erzählte von Taizé, seiner Geschichte und davon, welche Bedeutung die Versöhnung zwischen den Völkern im Europa der Nachkriegszeit hat. Während des Gesprächs mit einer Gruppe von Studenten der Universität von Jerewan entbrannte plötzlich eine heftige Diskussion auf Armenisch. Nach einer Weile verstand ich, dass einige Studenten darauf bestanden, dass Versöhnung mit der Türkei erst möglich sein kann, ,, wenn die türkische Regierung sich zum Völkermord von vor über einhundert Jahren bekennt.

In Gjumri besuchte ich zunächst die Armenisch-katholische Kirche und nahm am nächsten Tag am Sonntagsgottesdienst der Armenischen Apostolischen Kirche teil. Die Kirche war voll von Menschen jeden Alters, die fast zwei Stunden am Gottesdienst stehend teilnahmen. Im Anschluss daran wurden in einer Seitenkapelle Kerzen angezündet und verschiedene Jugendgruppen trafen sich.

In einem Dorf 30 Kilometer außerhalb von Jerewan brachte man mich in eine Einrichtung für überwiegend körperbehinderte Kinder, die die junge Mutter eines der Kinder ins Leben gerufen hat. Diese Frau kennt die Schwierigkeiten betroffener Eltern und tut alles, was sie kann. Sie entdeckte ein kleines Krankenhaus, das von reichen Armeniern in der amerikanischen Diaspora finanziert wird und in dem noch Platz für dreißig Kinder war. So kommen diese Kinder jeden Tag von Jerewan dorthin und werden von Müttern und jungen Freiwilligen betreut.

Artik ist eine kleine Stadt auf etwa 1900 Metern Höhe. Der Schnee war gerade geschmolzen und bevor man die Stadt erreicht, fährt man an großen Fabriken vorbei, die seit der Auflösung der Sowjetunion nicht mehr in Betrieb sind. Man fragt sich, wovon die Menschen auf dieser Hochebene leben. Selbst die, die eine Arbeitsstelle haben, verdienen sehr wenig. Viele Jugendliche denken daran, das Land zu verlassen, um in Russland oder Westeuropa Arbeit zu suchen. In der Stadt gibt es zwei Kirchen aus dem V. und VII. Jahrhundert, die nebeneinander liegen. Sie sind zum Teil eingefallen, aber zu bestimmten Gelegenheiten kommen die Gläubigen dort zu einem Gottesdienst unter freiem Himmel zusammen.

Die wirtschaftliche Lage ist schwierig. Das Land hat kaum Bodenschätze und ist durch seine geographische Lage nur schwer zu erreichen. Die Grenze zur Türkei ist geschlossen und wird von der russischen Armee bewacht. Die Beziehungen zu Aserbaidschan gestalten sich noch schwieriger: Seit dem Krieg Anfang der 1990-er Jahre kontrolliert Armenien ein Gebiet, auf das beide Länder Anspruch erheben. Nach wie vor kommt es an der Grenze immer wieder zu Schießereien.

Armenien ist ein Land mit einem reichen kulturellen Erbe, das seine Wurzeln im christlichen Glauben hat; es ist schön, etwas davon zu entdecken. Aber mindestens genauso schön ist es zu sehen, wie sehr sich die Menschen hier mit ihrer Kirche verbunden fühlen und sich trotz der vielen Schwierigkeiten ihre Lebensfreude und Güte bewahren. Ich hoffe, dass in absehbarer Zeit einige junge Armenier an den Treffen in Taizé teilnehmen werden, von ihrer Tradition erzählen und andere etwas mehr von der Universalität der Kirche entdecken lassen können.

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Etschmiadsin, Kirche der Heiligen Hripsime, aus dem VII. Jahrhundert

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