Istanbul, Januar 2013

Worte von Frère Alois

Es ist für uns eine große Freude, das Fest der Erscheinung des Herrn mit euch Christen von Istanbul zu feiern. Seit unserer Ankunft erleben wir eine Überraschung nach der anderen: Überall, in den verschiedenen Kirchen, werden wir herzlich empfangen. Ist dies nicht ein Zeichen dafür, dass Christus uns schon jetzt vereint, dass wir über die verschiedenen Konfessionen und Traditionen hinweg in Gemeinschaft sind? Durch unsere Taufe sind wir in der Tat alle Teil des Leibes Christi.

Wir sind aus 25 verschiedenen Ländern hierhergekommen, um eure Kirchen zu besuchen, die sehr international sind. Und wir danken Gott dafür, dass er uns die Möglichkeit gegeben hat, dieses Zeichen – so bescheiden es auch sein mag – der Erscheinung Christi unter den Völkern zu leben.

Wir sind als Pilger gekommen. Für einige von uns begann dieser Pilgerweg im November in Kigali, in Ruanda. Viele Jugendliche aus Ostafrika und noch weiter entfernten Ländern haben dort ihre Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung zum Ausdruck gebracht, in einem Land das viel gelitten hat. Danach waren wir zum Europäischen Jugendtreffen mit orthodoxen, evangelischen und katholischen Jugendlichen in Rom, wo uns Papst Benedikt zu einem gemeinsamen Gebet auf dem Petersplatz empfing. Es war ein unvergessliches Erlebnis, den Platz voller junger Menschen zu sehen, von denen jeder eine Kerze in der Hand hielt, das Licht Christi. Auch dort war es, als ob wir die Einheit der Christen vorwegnehmen können, nach der wir uns so sehnen.

Wir sind als Pilger gekommen. Unser ganzes Leben ist ein Pilgerweg. Wir sind unterwegs zu einer persönlicheren Gemeinschaft mit Gott und zu einer tieferen Gemeinschaft untereinander. Es kommt sehr darauf an, dass jeder von uns diese Tage nicht nur als interessanten Besuch lebt, sondern als einen inneren Pilgerweg, um in uns die Quellen des Vertrauens auf Gott freizulegen. Es ist heute sehr wichtig, eine neue Antwort auf die Frage zu geben, warum wir an Gott glauben. In einer Welt, in der das Vertrauen auf Gott immer weniger selbstverständlich ist, kann eine persönliche Antwort auf diese Frage unserem Leben einen Richtung geben.

Auf dem Pilgerweg unseres Lebens sind wir aufeinander angewiesen. Niemand kann alleine glauben. Dies ist auf der persönlichen Ebene wahr, in unseren Familien, Gemeinschaften und Kirchengemeinden. Wir brauchen einander, weil jeder von uns in gewissem Sinne arm ist.

Wir sind auch auf internationaler Ebene und zwischen den Kontinenten aufeinander angewiesen. Eine der Ursachen von Ungerechtigkeit und Gewalt liegt darin, dass wir zu wenig voneinander wissen. Wir Christen können einen wichtigen Beitrag zum Weltfrieden leisten, indem wir durch die persönliche Bande der Freundschaft Brücken bauen.

Und wir brauchen einander in den verschiedenen Kirchen. Nur gemeinsam können wir Salz der Erde sein, da die Botschaft des Evangeliums andernfalls Gefahr läuft, ihren Geschmack zu verlieren.
So stellt sich die Frage: Brauchen wir Christen, die wir aus anderen Ländern kommen, euch, die Christen von Istanbul? Ohne zu zögern sage ich „ja“ und möchte zwei Gründe dafür nennen.

In einem unserer Gespräche sagte eine junge Frau aus Kiew sehr offen: „Unsere Kathedrale in Kiew ist der Hl. Sophia geweiht und wurde nach dem Vorbild der Hagia Sophia in Konstantinopel gebaut. Für mich ist es, als ob mich meine Mutterkirche empfangen würde. Es war bewegend, diese Worte zu hören, und ich glaube, dies ist in gewissem Sinne für uns alle wahr. In diesem Land wurde unser Glaubensbekenntnis formuliert, hier hat sich der christliche Glaube einer Kultur geöffnet, die die Bibel nicht kannte. Die Kirchenväter vertieften diesen Glauben. Wir alle haben Wurzeln hier. In unserer Zeit, in der wir dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten die universale Gemeinschaft der Christen leichter zum Ausdruck bringen können, ist es auch wichtig, diese Gemeinschaft über die Jahrhunderte hinweg nicht zu vergessen, die uns mit denen verbindet, die vor uns gelebt haben.

Und es gibt noch einen zweiten Grund, warum wir euch Christen von Istanbul brauchen: Ihr seid ein lebendiges Beispiel dafür, wie man in einer Gesellschaft leben kann, in der das Christentum eine verschwindende Minderheit darstellt. Wir wissen, wie schwer das ist. Und wir sind dankbar für dieses Zeichen des Evangeliums. Das Licht der Erscheinung des Herrn, das die Welt und die ganze Schöpfung erleuchtet, geht von der bescheidenen Grotte in Bethlehem aus und von Jesu Taufe im Jordan. Wer Jesus nachfolgt, strahlt ein Licht aus, ohne zu wissen wie weit es scheint.

Danke für eure Treue und Ausdauer. Wir möchten euch dazu ermutigen, den Weg der Gemeinschaft zwischen den verschiedenen Traditionen und Kirchen weiterzugehen. Ihr betet jedes Jahr während der Gebetswoche für die Einheit der Christen gemeinsam, und auch bei anderen Gelegenheiten im Laufe des Jahres. Darin leben wir in Gemeinschaft mit euch.

Unser Pilgerweg – das kann ich schon heute Abend sagen – lässt uns diese einzigartige Gemeinschaft des Leibes Christi tiefer verstehen und öffnet auch unsere Gebete für die Kirche. So danken wir Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

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