Israel, Palästinensische Autonomiegebiete, Libanon 2011

Tagebuch eines Pilgers des Vertrauens

Ein Bruder der Communauté verbrachte im November zwei Wochen im Heiligen Land und im Libanon. Hier ein Bericht über seine Reise.
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Jaffa

Ankunft mitten in der Nacht und ein paar Stunden Schlaf in einer gastfreundlichen Franziskanergemeinschaft in Jaffa, unweit von dort, wo der Apostel Petrus seine Vision hatte (vgl. Apostelgeschichte 10,9-16), als er bei Simon dem Gerber wohnte. An diesem Ort begann die Kirche ihre universelle Berufung zu begreifen. Es ist nicht schwer, sich Petrus auf einer dieser Terrassen mit ihrem weiten Blick aufs Meer vorzustellen.

Am selben Tag ging es noch weiter nach Nazareth. Sehr herzlicher Empfang durch eine Familie in Nazareth, von der alle Mitglieder über die Jahre hinweg einmal in Taizé gewesen waren: der inzwischen verstorbene Vater, die Mutter, die drei Brüder und die Schwester mit ihren Kindern. Noch am selben Abend kamen dreißig Personen zum Gebet mit den Gesängen aus Taizé bei den Kleinen Brüdern Jesu zusammen. Charles de Foucauld hatte ein Jahr an diesem Ort gelebt. Das Gebet findet einmal im Monat statt. Am nächsten Tag trafen wir uns alle noch einmal zum Bibelgespräch über die erste Seligpreisung: „Selig sind die Armen im Herzen, denn ihnen gehört das Himmelreich“.

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Eine chinesische Gruppe im Gebet vor der Kirche von Nain

In Nain, 15 Minuten von Nazareth entfernt, wollte ich den Ort sehen, an dem Lukas im 7. Kapitel seines Evangeliums uns das Mitgefühl Christi für das menschliche Leid vor Augen führt. Wir stehen vor der verschlossenen Kirche, überall Geröll im Hof und verdächtige Gerüche. Plötzlich fährt ein Bus vor und vierzig Chinesen steigen aus. Die Reiseführerin liest laut den Bericht aus dem Lukasevangelium über Jesus in Nain und gibt einen kurzen Kommentar dazu. Ich fühle ich mich gedrängt, auf sie zuzugehen. Als ich mich vorstelle, bekommt sie große Augen. Sie kennt mehrere Brüder der Communauté und aus ihrer Gruppe waren mehrere schon einmal in Taizé gewesen. Auf ihre Bitte hin sage ich ein paar Worte über Nain und wir singen zusammen ein Lied. Ich stimme „Bless the Lord“ an und bin überrascht, dass die ganze Gruppe mitsingt. Alle vierzig Chinesen singen das Lied aus voller Kehle auf Chinesisch; ein schöner Moment.

Ein herzlicher Empfang in einer hebräisch-sprachigen katholischen Gemeinde in Jerusalem in der Rav Cook Street, 5 Minuten von der Altstadt entfernt. Die Gemeinde hier versucht, ein inkulturiertes Christentum zu leben; sie scheut keine Mühe, das Gemeindeleben und die Gottesdienste auf Hebräisch zu halten. Ein Gebet mit Gesängen aus Taizé findet alle vierzehn Tage in der Kapelle dieser Gemeinde statt. So auch an diesem Abend; unter den Teilnehmern befindet sich ein Rabbiner und einige junge Juden, die gute Freunde sind. Ich erkenne Reut, die ihren Verlobten mitgebracht hat. Es ist das erste Mal, dass er zu einem christlichen Treffen geht. Ich werde sie ein paar Tage später in der Synagoge des gleichen Rabbiners wieder treffen, bei einem Gebet, dem ein Sabbat-Mahl folgt.
Am nächsten Tag, nach der Eucharistie in Ein Karem (Ort der Visitation) und einem guten Gespräch mit den Schwestern von Sion, bin ich wieder in Jerusalem, zwei Schritte vom Heiligen Grab entfernt, zu einem Gebet mit den Gesängen aus Taizé, diesmal in einer evangelischen Kirche. Zahlreiche junge Menschen sind gekommen, vor allem junge Deutsche, die gerade einen Freiwilligendienst in Israel machen.

Auch der Abt von Abu Gosh und die Priorin Mutter Ignatius sind anwesend. Sehr bewegend war das Eintreffen des armenischen Erzbischofs, der von einem Priester begleitet wird, welcher die Seligpreisungen auf Armenisch singt. Protestanten, Orthodoxe und Katholiken begegnen sich hier ganz selbstverständlich. Der Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche hatte das Gebet sehr gut vorbereitet. Kleine gelbe Poster luden in der ganzen Altstadt zum Gebet ein. Kerzen auf dem Boden bildeten ein Kreuz. Wir hatten mit etwa fünfzig Leute gerechnet, aber über hundert kamen, so dass der Pfarrer nicht genug zum Essen vorbereitet hatte. Er fragte mich, was er tun solle, und ich meinte nur: „Wir lachen und teilen miteinander.“ So kam es dann auch. Und zum Schluss blieb sogar noch etwas übrig!

Herzlicher Empfang bei Pater Aziz in Beit Sahour (die Hirtenfelder) in der Gemeinde, die jetzt zu Bethlehem gehört. Nach einem Aufenthalt mit palästinensischen Christen auf dem Hügel hat er Gesänge aus Taizé ins Arabische übersetzt. Wir treffen uns in seiner Gemeinde zu einem Gebet mit Jugendlichen. Am nächsten Tag beim Sonntagsgottesdienst bittet er mich, ein paar Worte zum Adventbeginn zu sagen; die Umstände inspirieren mich, kurz etwas über die Worte von Frère Roger zu sagen: „Wenn jeder Tag wie eine Weihnachtsnacht sein könnte ...“

Rückkehr nach Jerusalem und Besuch in der armenischen Kathedrale in Begleitung des Erzbischofs Arvis Shirvanian, der mich zu einem Gebet mit den vierzig armenischen Seminaristen in Jerusalem eingeladen hat. Es ist bewegend, den Erzbischof über den Heiligen Jakobus sprechen zu hören, den ersten Bischof von Jerusalem, dessen Reliquien hier aufbewahrt werden. Die Kirche hat keine Bänke, ist aber mit großen Teppichen ausgelegt und von vier Säulen umrahmt. In der Vergangenheit gab es viele armenische Klöster in Jerusalem.

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Treffen mit jungen Palästinensern in Bethlehem

Treffen in Bethlehem mit jungen Palästinensern im Emmanuel-Kloster, wo ein gutes Dutzend Benediktinerinnen leben. Drei von ihnen, darunter die Äbtissin, sind jung. Mit den jungen Palästinensern lernen wir einige Gesänge von Taizé auf Arabisch, dann bilden wir drei kleine Gruppen für ein Gespräch über den Satz von Frère Roger: „Wenn das Vertrauen des Herzens am Anfang aller Dinge steht...“. Unser Treffen geht mit einem sehr schönen Gebet zu Ende. Einige junge Lutheraner aus Beit Jala, die letztes Jahr in Taizé waren, kamen dazu. Der Abschied fällt schwer.

Am nächsten Tag bin ich an der Universität von Bethlehem. Ein gutes Gespräch mit den Studentenpfarrern. Eine Gruppe junger Palästinenser möchte von hier aus nach Taizé kommen. Schwester Patricia aus Malta, die seit 25 Jahren in Palästina lebt, ist bereits mit mehreren Gruppen nach Taizé gekommen. Sie spricht von der großen Enttäuschung der jungen Menschen bei der Ankunft in Taizé, wo es weder Geschäfte noch Restaurants gibt; aber dann das Aufkommen einer anderen Freude, die aus dem gemeinsamen Gebet und dem Austausch mit anderen Menschen entspringt. Wir sprechen auch über ein mögliches Jugendtreffen, wenn auch in einem ganz bescheidenen Rahmen, in Bethlehem.

Libanon

Im Libanon, den ich seit 1982 nicht mehr besucht habe, hat Ziad mit ein paar Freunden ein volles Programm vorbereitet: Treffen in drei katholischen Hochschulen, Gebete in mehreren Gemeinden, ein Treffen mit dem neu gewählten maronitischen Patriarchen, drei Fernsehsendungen und ein Interview mit der größten Tageszeitung in Beirut...

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Gebet in Byblos im Libanon

Einige Leute erinnern sich noch an den Besuch Frère Rogers 1982. Unter anderem auch Pater Toufiq, der mittlerweile für die Jugendarbeit des maronitischen Patriarchats verantwortlich ist. Mit ihm und dem neugewählten Generalsekretär des Kirchenrates im Nahen Osten sprechen wir über die Fahrt einer Gruppe junger Libanesen aus unterschiedlichen Konfessionen 2012 nach Taizé.

Einen Vormittag an der Notre Dame Universität in Beirut. Pater Boulos, ein griechisch-orthodoxer Pfarrer, lädt mich ein, in seiner Vorlesung über den Monotheismus zu sprechen. Daraus wird ein Vortrag über das Christentum und die Erfahrung von Taizé vor christlichen und muslimischen Studenten. Die Studenten sind sehr aufmerksam und es ergibt sich eine gute Diskussion.

Ziad, der während seines Studiums in Frankreich oft nach Taizé gekommen war, ist nun Professor und Prodekan der Fakultät. Er hat am Mittag zu einem Gebet und einem Gespräch mit einem Bruder aus Taizé eingeladen. Ich erwarte eine kleine Gruppe, aber der große Raum füllt sich mit jungen Menschen, etwa 120 Studenten kommen zusammen; auch diesmal Christen und Muslime. Wir zeigen die DVD „Das Leben in Taizé“, dem ein gutes Gespräch mit den Studenten folgt.

Besuch in der Adyan Association, die 2008 von Pater Fadi Daou und Nayla Tabarra gegründet wurde: Adyan - „Vertrauen“ taucht in den Texten immer wieder auf. Auch diese Menschen wollen Vertrauen zwischen den Religionen, zwischen den Kulturen, zwischen den Völkern aufbauen. Sie haben verstanden, dass Bildung eine entscheidende Rolle dabei spielt und stellen verschiedene Werkzeuge dafür her. Nayla Tabarra hat als Muslimin drei Tage bei den Brüdern der Communauté in Bangladesch gelebt und spricht sehr herzlich über diese Erfahrung. Man kann zuversichtlich in die Zukunft des Libanon sehen, wenn man Menschen mit dieser Güte trifft und ihre Initiativen kennen lernt.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article13472.html - 16 September 2019
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