Russland: Ostern 2011

Pilgerweg nach Moskau: Sonntag, 24. April

Unsere Pilger bekamen in dieser Nacht nur wenig Schlaf. Nach der Teilnahme an der orthodoxen Osternachtliturgie, standen sie am Sonntagmorgen entweder für die Eucharistie in der katholische Kirche St. Louis des Français, die Erzbischof Pezzi feierte, oder in der anglikanischen Kirche, die alle Angehörigen protestantischer Konfessionen empfing, auf. Auf diese Weise konnten alle Pilger die Osterkommunion empfangen.

Anschließend trafen sich alle für den feierlichen Vespergottesdienst mit dem Patriarchen Kyrill in der Christ-der-Retter-Kathedrale. In diesem Gottesdienst wurden dem Patriarchen Ostergrüße vom Bischof und den Geistlichen der Moskauer Diözese überbracht. 1860 erbaut, 1931 durch das Stalin-Regime zerstört, 2000 komplett wiederaufgebaut, heute ist die Kathedrale wahrhaftig ein Symbol der Wiedererstehung der russischen Kirche.

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Die Kathedrale war voll bis auf den letzten Platz. Die Priester zogen als Erste ein, gefolgt von den Bischöfen und als letzter der Patriarch. Chöre sangen die wunderschönen Osterhymnen, in welche die versammelte Gemeinde mit Begeisterung einstimmte. Die Ostervespern sind kurz, aber doch wird die überschäumende Freude sehr deutlich. Aus dem Johannesevangelium wurde der Bericht vom Treffen des auferstandenen Christus mit Thomas gelesen. Der Patriarch predigte: Auch wenn wir den Herrn physisch nicht sehen können, so können wir doch seine Gegenwart im Gebet und in unserem Zusammenleben erfahren.

Er sprach dann zu den Priestern, wie diese die Gegenwart verkörpern können und dass sie dabei der jungen Generation besondere Aufmerksamkeit schenken sollen. Ihre Lebenserfahrung unterscheidet sich so sehr von der der Pfarrer. Sie haben nie in einer Gesellschaft gelebt, aus der der Glaube verbannt worden war.

„Wir müssen den Jugendlichen helfen, die spirituelle Perspektive des Lebens zu sehen und zu verstehen; wir müssen ihnen helfen die Schönheit und die Kraft des Glaubens, die das Leben eines Menschen verändern können, zu fühlen. Die jüngere Generation sollte wissen, dass die Kirche nicht nur aus schönen Zeremonien besteht, nicht nur ein glänzendes Gewand ist. Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die von Gott errettet sind, dies ist der Ort, wo eine Person in direkten Kontakt mit Gott tritt und von Gott eine große Kraft empfängt, um nach der Wahrheit Gottes zu leben.“

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Patriarch Kirill and brother Alois, Easter 2011

Und dann wurden wir Brüder zum Patriarchen geführt, um ihn im Namen der Jugendlichen zu begrüßen. Er empfing uns sehr herzlich und sprach von seiner Freude über die Gegenwart der 240 jungen Pilger.

Anschließend versammelten wir uns mit den Jugendlichen auf den Treppen der Kathedrale. So viele lächelnde Gesichter, so viele dankbare Herzen. Frère Alois bat sie, sich die Worte des Patriarchen zu Herzen zu nehmen. Sie gehören einer Generation an, die dazu aufgerufen ist, sich in ihren Kirchen zu engagieren. Die Erfahrung, diese Tage mit den orthodoxen Gemeinden zu verbringen, ist eine Erfahrung der Glaubensstärkung, um den Pilgerweg weiterzugehen.

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Später rief eine Dame, die ich nicht kannte, aus einer der Gemeinden an, um sich dafür zu bedanken, dass eine junge Frau aus Hamburg bei ihr wohnen konnte. Es war eine wahrhaftig gesegnete Zeit für sie. Ich habe das Gefühl, dass dies Tage gegenseitiger Bereicherung waren und dass unser Pilgerweg nicht zu Ende ist, sondern sich auf seine nächste Etappe vorwärts bewegt.

Montag, 25. April

Heute sind die Pilger wieder abgereist. Wir müssen ihnen wirklich Respekt zollen, da sie sich so auf den Geist des Pilgerwegs eingelassen haben. In dem sie die orthodoxen Traditionen ihrer Gastgemeinde respektierten, gewannen sie den Respekt der Gemeindemitglieder, die verstanden, dass sie nicht einfach da waren, um zu beobachten, sondern um zu beten, zu suchen und zu lernen. Pilger kommen mit leeren Händen, um das zu empfangen, was Gott ihnen geben will. Und diese Hände wurden in diesen Tagen gefüllt – daran besteht kein Zweifel.

Und ihre Gegenwart hinterlässt Spuren in den Herzen derjenigen, die sie aufgenommen haben und im Leben der Gemeinden, in denen sie an den reichen Feierlichkeiten der russisch-orthodoxen Kirche während der Kar- und Ostertage teilnahmen.

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