Russland: Pilgerweg nach Moskau

Frère Alois: Worte des Dankes an Metropolit Hilarion

Moskau, 23. April 2011

Lieber Metropolit Hilarion,

mit Freude und Ergriffenheit statten wir der Heiligen Russisch-orthodoxen Kirche unseren Besuch ab. Und ich möchte Ihnen meine tiefe Dankbarkeit für Ihre Einladung aussprechen. Durch unseren Pilgerweg in Moskau möchten wir demütig unsere Verehrung für die lange Treue der Christen Russlands zum Ausdruck bringen.

Wir Brüder von Taizé haben in der Folge unseres Gründers, Frère Roger, herausgefunden, dass eines der Geheimnisse der russischen Seele in einem Gebet der Anbetung liegt, in dem die Güte Gottes wahrnehmbar wird. Und wir wollen uns in diesen Tagen diesem Gebet anschließen.

Durch das Gebet, liturgische Feier oder Herzensgebet, finden die orthodoxen Christen Zugang zu den großen Geheimnissen des Glaubens, der Menschwerdung Christi, seiner Auferstehung, der beständigen Gegenwart des Heiligen Geistes in der Kirche. Und in diesen Geheimnissen schöpfen die Orthodoxen den Sinn für die Größe des Menschen: Gott macht sich zum Menschen, damit der Mensch an seiner Göttlichkeit teilhat; der Mensch ist berufen, zusammen mit Christus schon auf der Erde verklärt zu werden. Die orthodoxen Christen haben den Schwerpunkt immer auf die Auferstehung Christi gelegt, die bereits die Welt verklärt.

Das Einzigartige, das Unersetzliche der Kirche in Russland liegt aber in der Erfahrung der Christen, die ihre Liebe zu Christus von Generation zu Generation weitergegeben haben, insbesondere derer, die ihren Glauben unter Lebensgefahr bekannten. Das Andenken an diese Märtyrer bleibt in Russland lebendig. Gestern haben wir ihnen in Butovo die Ehre erwiesen.

Die orthodoxen Christen haben es bitter nötig, den Schätzen Aufmerksamkeit zu widmen, die in die Orthodoxie gelegt wurden. Wir möchten unsererseits den Jugendlichen aus zahlreichen Ländern, die auf unserem Hügel kommen, die Sicht Gottes, des Menschen und der Kirche vermitteln, die uns durch die Tradition der Ostkirche eingegeben wurde.

Lieber Metropolit Hilarion, wir sind auch nach Moskau gekommen, um unsere Dankbarkeit für die Verbindungen zum Ausdruck zu bringen, die unsere Communauté mit der Russisch-orthodoxen Kirche eingehen konnte. Diese Verbindungen wurzeln bereits in Frère Rogers Familiengeschichte, der darüber einmal sagte:

„Die tiefe Liebe zur Orthodoxen Kirche geht auf meine Kindheit zurück. Während des Ersten Weltkriegs mussten Russen aus ihrem Land fliehen. Es waren Orthodoxe. Meine Mutter nahm einige bei sich auf und ich hörte den Unterhaltungen zu; danach sprach sie zu mir über die Drangsal, die diese Menschen erlebt hatten. Später, in meiner Jugend, wohnten wir in der Nähe einer russisch-orthodoxen Kirche; wir gingen dorthin, nahmen an Gebeten teil, hörten die schönen Gesänge, und ich versuchte auf den Gesichtern das Leiden dieser Christen abzulesen, die aus Russland gekommen waren.“

Im Dezember 1962 entstand anlässlich des Besuchs Metropolit Nikodims in Taizé eine engere Beziehung zwischen unserer Communauté und dem Moskauer Patriarchat.

Später besuchte Patriarch Alexej II., wie er mir selbst erzählte, Taizé während seiner Zeit als Erzbischof von Tallinn.

1978 fuhr Frère Roger mit zwei weiteren Brüdern auf Einladung des Patriarchats nach Moskau. Er verbrachte zwei Tage in Leningrad, wo er Metropolit Nikodim besuchte, und ebenfalls Pfarrer Kyrill, der damals Rektor des Seminars war.

1988 reiste Frère Roger mit einem weiteren Bruder erneut nach Moskau anlässlich der Tausendjahrfeier der Taufe der Rus‘. Er fuhr damals auch nach Jaroslawl und Kiew, und wurde zum Konzil der Russischen Kirche im Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius eingeladen.

Während dieses Besuchs erkannte Frère Roger, wie sehr die Russisch-orthodoxe Kirche Unterstützung für ihren Dienst brauchte. In Absprache mit dem Patriarchat ließ Taizé in Frankreich eine Millionen Neuer Testamente in der vom Hl. Synod autorisierten russischen Übersetzung drucken und Anfang 1989 nach Moskau, Kiew, Minsk und Leningrad bringen.

Metropolit Filaret von Minsk kam im Frühjahr 1989 nach Taizé, um Frère Roger zu treffen. Metropolit Kirill, sein Nachfolger im Amt für externe Angelegenheiten, besuchte die Communauté 1990. Er war bereits als Student von Bossey aus in Taizé gewesen.

Seit 1990 nehmen junge orthodoxe Russen an den internationalen Jugendtreffen teil, die unsere Communauté in Taizé und jedes Jahr in einer europäischen Großstadt organisiert.

Wenn orthodoxe Gruppen mit ihren Pfarrern in Taizé sind, wird dort zwei bis drei Mal in der Woche die orthodoxe Liturgie gefeiert. Der Vertreter des Moskauer Patriarchats in Paris überbrachte vor Jahren ein Antimension für die orthodoxe Kapelle in Taizé.

Gleich zu Beginn meines Dienstes als Prior suchte ich 2006 zusammen mit zwei weiteren Brüdern Patriarch Alexej auf. 2008 nahm ich an seiner Beerdigung teil und 2009 an der Inthronisation Patriarch Kyrill I.

Ich möchte noch erwähnen, dass die jährliche Grußbotschaft des Moskauer Patriarchen zu unserem Europäischen Jugendtreffen eine überaus geschätzte Unterstützung darstellt.

Aus Anlass des fünften Jahrestags des Todes Frère Rogers schrieb uns Patriarch Kyrill in einem Grußwort: „Die Treue zu den Lehren der Kirchenväter, die Frère Roger mit einer kreativen Aktualisierung im missionarischen Dienst unter den Jugendlichen heute verknüpft hat, kennzeichnet den Weg Frère Rogers und der von ihm gegründete Gemeinschaft.“ Mit diesen Worten wies uns der Patriarch einen Weg, den wir auch weiterhin einschlagen.

Lieber Metropolit Hilarion, aus ganzem Herzen danke für Ihre Gastfreundschaft. Gott segne die Heilige Orthodoxe Kirche in Russland.

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