Russland: Ostern 2011

Der Pilgerweg nach Moskau von Tag zu Tag

Mittwoch, 20. bis Montag, 25. April 2011

Sechs Moskauer Gemeinden der Russisch-orthodoxen Kirche nahmen von Mittwoch bis Montag, 20. bis 25. April, Frère Alois und vier weitere Brüder der Communauté sowie 240 Jugendliche aus 26 Ländern auf, um die Liturgie der Kar- und Ostertage mit ihnen zu feiern. Zum ersten Mal unternahm Taizé einen derartigen Pilgerweg nach Russland. Am Gründonnerstag traf Erzpriester Vsevolod Chaplin, Vorsitzender des Kirchenamtes für gesellschaftliche Beziehungen, die Pilger.
Am Karfreitag fand eine gemeinsame Fahrt nach Butovo statt, wo 1935/36 während der schlimmsten Zeit des stalinistischen Terrors 20.000 Menschen erschossen worden waren. Die Russische Kirche hat an diesem Ort eine Gedenkstätte für die neuen Märtyrer errichtet. Am Karsamstag wurden die Pilger vom Metropoliten Hilarion, dem Präsidenten des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, empfangen.
Am Samstagabend [http://www.taize.fr/de_article12307.html] feierten sie in den Gastgemeinden die Osternacht.
Der Pilgerweg endete am Ostersonntag [http://www.taize.fr/de_article12313.html] mit dem feierlichen Vespergottesdienst, den Patriarch Kyrill in der Christ-Erlöser-Kathedrale feierte.

Ein Bruder der Communauté war zu den letzten Vorbereitungen vor Ort. Er schreibt:

Freitag, 15. April

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Heute ist für die orthodoxen Gläubigen der letzte Tag der Großen Fastenzeit. Das Wochenende – Samstag mit dem Fest des Lazarus und dem Einzug Jesu in Jerusalem am Sonntag – gibt einen Vorgeschmack auf das bevorstehende Osterfest. Heute Morgen nahmen wir am Abschlussgottesdienst der vorgesegneten Gaben teil, danach das Morgengebet und die anschließende Kommunionfeier mit den in der letzten Eucharistiefeier vorkonsekrierten Gaben. Das Gebet des Hl. Ephraim wird während dieses Gottesdienstes mehrmals gesprochen. Nach jedem Satz bekreuzigt sich die Gemeinde, kniet nieder und neigt sich bis auf den Boden.

Heute Abend war das letzte Treffen der Gemeindekoordinatoren in der Muttergottesikonengemeinde (Muttergottes, Freude der Bedrückten). Sechs Gemeinden werden Pilger aufnehmen. Die Bereitschaft zu improvisieren, um alle aufzunehmen, ist sehr berührend. Es sind alles Jugendliche, die mit dem Segen ihrer Pfarrer diese Verantwortung übernommen haben. Ihr Vertrauen zu sehen, ist wirklich bewegend. Für fast alle Gemeinden ist es das erste Mal, dass sie junge Ausländer bei sich aufnehmen.

Samstag, 16. April

Lazarussamstag. Die Auferweckung des Lazarus war das letzte und bedeutendste der von Jesu getanen Zeichen. In diesem zeigt er sich als Lebensspender, was ihn paradoxerweise auf seinen eigenen Tod zutreibt. Sowohl geschichtlich wie auch liturgisch ist es ein geeigneter Auftakt für die Karwoche und Ostern.

Heute früh war der Gottesdienst in der Himmelfahrtskirche an der Tverstraße in der Innenstadt von Moskau. Hier werden am Mittwoch die jungen Gäste von überall her ankommen. Es kommt eine wahre Festtagsstimmung auf nach den 40 Tagen des Fastens. Der Pfarrer erinnert daran, dass Christus jeden von uns aus seinem Grab herausruft, um uns bereits im Hier und Heute ein neues Leben zu schenken.

Am Nachmittag treffen wir die freiwilligen Helfer während des Pilgerwegs. Vor einem Monat bereits hatten wir ein Treffen mit 70 Jugendlichen, bei dem die praktischen Aufgaben verteilt worden waren. Seither sind neue Arbeiten dazugekommen. Die ankommenden Gäste müssen vom Flughafen und den Bahnhöfen zum zentralen Empfangsort gebracht werden. Andere müssen die Ankommenden von dort in die Gastfamilien bringen. Und dann gibt es auch noch ein Tee-Team, eine Gruppe, welche das Programm erklärt, die Fahrscheine verteilt und jedem eine Gastgemeinde zuteilt...

Bei den Erklärungen zum erste Empfang wird mir auf einmal bewusst, wie lange diese jungen Russen auf die Gelegenheit gewartet haben, junge Menschen aus anderen Ländern in ihren Gemeinden aufzunehmen, welche eine Freude…

Sonntag, 17. April

Das Fest des Einzugs Jesu in Jerusalem. „Palmsonntag“ im Westen, hier sagt man „Weidensonntag“. Der Frühling beginnt, sich zu zeigen, und vor den Kirchen werden auf den Straßen Zweige mit Weidenkätzchen angeboten. In der U-Bahn sind überall Leute mit diesen Büscheln unterwegs. Volksglauben – religiöse Zeichen sind nichts befremdendes mehr in einer Gesellschaft, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch atheistisch nannte. Schon gestern Abend beim Vespergottesdienst hatte der Pfarrer die Zweige gesegnet und die Leute fröhlich mit Wasser besprengt! Heute das Gleiche, und die Kirchen sind voll. Jeder hat eine Kerze in der Hand.

Gottesdienst in einer Dorfkirche außerhalb Moskaus, von wo Anfang der 90er Jahre die ersten Gruppen nach Taizé gekommen waren. Gebet am Grab des mutigen Pfarrers, der die Gemeinde in den schwierigen Jahren aufgebaut hatte. Die Sonne scheint.

Mittwoch, 20. April

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Die Schönheit dieses Tages ist kaum zu beschreiben: einer dieser besonderen Momente, wenn sich plötzlich etwas erfüllt, auf das so viele Menschen so lange gehofft und dafür gebetet haben. 240 Pilger aus 26 Ländern werden von sechs orthodoxen Gemeinden in Moskau empfangen. Wer hätte sich das vor ein paar Jahrzehnten noch vorstellen können?

Die Dormitio-Kirche, einen Steinwurf entfernt vom Roten Platz, eingekeilt zwischen Mc Donalds und dem Innenministerium, öffnet ihre Türen. Die Ikonen in der Kirche, Menschen, die von der Straße reinkommen, um Kerzen vor ihnen anzuzünden und für einen Moment zu beten – all dies schafft eine einzigartige Atmosphäre, in der die Jugendlichen empfangen werden, die mit dem Wunsch gekommen sind, mehr von der russisch-orthodoxen Kirche zu verstehen. Ein unmittelbares Gefühl des himmlischen Friedens auf der Erde, im Kontrast zu der Geschäftigkeit dieser belebten Stadt.

Die Geduld und Freundlichkeit unserer russischen Gastgeber zeigt sich während des ganzen Tages. Kein Pilger wird ohne Tee und etwas zu essen empfangen. Diejenigen, die zuletzt angekommen waren, wurden mit der gleichen Freude empfangen wie diejenigen, die als erstes da waren. Und die Jugendlichen in den Vorbereitungsgruppen in den Gemeinden haben alles so gut vorbereitet! Keine Familie blieb ohne Gäste. Ein wahres Wunder! So viel wofür man dankbar sein kann; und mehr kann man dazu nicht sagen: Der Pilgerweg hat begonnen.

Donnerstag, 21. April

Welch eine Freude unter den ca. 300 Menschen zu sein, die an der Gründonnerstagliturgie in der Gemeinde St. Tatyana teilnehmen, der Kirche, die an die Moskauer Universität angegliedert ist. Gegenüber dem Kreml, um 7.30 Uhr in der Früh.

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Olga schreibt über den heutigen Gottesdienst am Vormittag:
„Donnerstag ist der Tag in die Einführung in das letzte Abendmahl. Morgens wird in jeder Kirche die Gründonnerstagsliturgie gefeiert. An diesem Tag versuchen selbst diejenigen, die arbeiten oder studieren, sich für diese Morgenstunden Zeit zu nehmen, um an dieser besonderen Liturgie teilzunehmen. Einmal im Jahr, an diesem Tag, wird das Gebet „Als die glorreichen Jünger“ gesungen. Jeder erhält die Kommunion während gesungen wird: `Beim letzten Abendmahle, oh Sohn Gottes, nehme mich heute als Kommunikant an; ich werde nicht unter deinen Feinden über dein Geheimnis sprechen, noch werde ich dir wie Judas einen Kuss geben, aber ich werde dir wie der Dieb bekennen: Denk an mich, oh Herr, wenn du in dein Königreich kommst.´ Der ganze Tag ist geprägt durch das Zeichen dieser besonderen Teilnahme am letzten Abendmahl, dem Abend des Leidens unseres Herrn.“

Nach der Liturgie war Zeit sich mit den ca. 20 Pilgern zu treffen, die die Gemeinde aufgenommen hat. Der Priester lud uns zum Mittagessen ein. Gastfreundschaft, selbst in der Fastenzeit, kommt in Russland zuallererst am Tisch zum Ausdruck! Im Gespräch mit den Pilgern drückte der Pfarrer seine Freude darüber aus, dass sie gekommen sind, und ließ sich von ihnen Fragen stellen.

Nachmittags fuhr jeder mit der Metro zur Kirche von P. Vsevolod Chaplin, Präsident des Ministeriums für gesellschaftliche Beziehungen des Moskauer Patriarchats. Er sprach zuerst über das immense Leiden der russischen Christen während des Kommunismus. Sehr offen sprach er über die Herausforderungen, mit denen die Kirche heute konfrontiert ist. „Jeder Christ muss mutig genug sein Zeugnis seines Glaubens, egal wo er ist, abzulegen. Die Kirche ist nicht nur für die Reichen oder die Armen da – sie ist für jeden Menschen da.“ Und er ging bereitwillig auf alle unsere Fragen ein.

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Das Gespräch mit den Pilgern zeigte, dass jeder zufrieden war. Welch eine Gastfreundschaft in den Familien und Kirchengemeinden. Trotz der Müdigkeit von der Reise und den zwei Stunden Zeitunterschied, sah man heute nur lächelnde Gesichter. Das russische Herz ist wirklich groß.

Zurück zu Olga:
„Es wird Abend und der Gottesdienst der zwölf Apostel beginnt. Jeder steht mit angezündeten Kerzen da. Die zwölf Passagen aus dem Evangelium werden vorgelesen – von Getsemani bis zum geschlossenen Grab. Die Glocke wird geläutet, die Zahl der Schläge gibt die vorgelesenen Stelle aus der Leidensgeschichte unseres Herrn an.

Früher nahmen die Menschen die angezündeten Kerzen mit nach Hause, um dort eine Ikonenlampe anzuzünden. Diese fromme Tradition ist heute noch lebendig, obwohl es schwieriger geworden ist, wenn man weiter von der Kirche weg wohnt und mit Bus oder Metro fahren muss. Zuhause macht man mit der „Donnerstagskerze“ ein Kreuzzeichen unter dem Türrahmen. Der Kerzenruß hinterlässt ein schwarzes Kreuz.“

Menschen, die nach dem Gottesdienst mit Kerzen durch die Straßen laufen, dies scheint so normal hier, auch wenn andere Leute was ganz anderes tun. Es ist das erste Mal, dass ich die Auferstehung bereits in der Karwoche spüre. Man kann sich dem hier nicht entziehen. Die Kirche ist auferstanden und die Menschen auch.

Freitag, 22 .April

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Heute fuhren wir nach Butovo, zum Ende der U-Bahn-Linie, die in die südlichen Vororte von Moskau geht. Die Pilger scheinen bereits, die Namen der Haltestellen in kyrillischer Schrift zu entziffern. Alle waren pünktlich um 9.45 Uhr da, um in den Bus zu steigen, der uns nach Polygon brachte, auf das Gelände der Hinrichtungsstätte. Mehr als 20.000 Menschen wurden dort während der stalinistischen Schreckensherrschaft, wie es auf Russisch heißt, zwischen 1935 und 1937 erschossen. Verstehen wir heute wie sehr die Russen selbst während der Sowjetzeit litten? Hier wird uns diese Wirklichkeit vor Augen geführt.

In der Kirche der Neuen Märtyrer warteten Gemeindemitglieder, um uns auf das Gelände zu führen und zu erklären, was hier passiert war. Über 1.000 Pfarrer und Ordensleute waren hier erschossen worden. In den Archive der NKVD ist genau dokumentiert, wer ermordet wurde und wann. Es gibt mehrere Massengräber, gekennzeichnet durch Erdhügel auf dem Gelände. Die im Original erhaltene Holzkirche, 1995 erbaut, steht buchstäblich auf dem Blut der Märtyrer. Welch ein Ort, um Karfreitag zu verbringen! Welch eine Herausforderung für unseren Glauben heute! Und es waren Unschuldige; Menschen, die in keinster Weise ihr Märtyrertum verdient oder gesucht hatten.

Wir nahmen danach an der Karfreitagsvesper teil, gefolgt vom Nachtgebet des Karsamstags. Dies sind wunderschöne Gottesdienste, reich an Symbolen, wie Olga schreibt:
„Dann kommt der Freitag. An diesem Tag gibt es keine Liturgie, denn der Herr selbst hängt am Kreuz.
Der Tag des Todes Jesu ist der traurigste Tag des Jahres. Das lässt sich sogar am Wetter und in der Natur fühlen. Aber in der Tiefe der Trauer um den Einen, der sterben musste, liegt eine Hoffnung auf die kommende Auferstehung verborgen.
An diesem Tag findet die Darstellung des Leichentuchs statt. Das Bild von Christus im Sarg wird in die Mitte der Kirche getragen. Die Begräbniszeremonie des Leichentuchs folgt, indem die Gläubigen hinter dem Sarg um die Kirche ziehen.“

Als wir aus der Kirche der Neuen Märtyrer singend auszogen „Sviaty Bozhe, Sviaty Krepki, Sviaty Byesmyertnikh, Pomiluj nas" (Heiliger Gott, Allmächtiger Gott, ewiger Gott, hab Erbarmen mit uns) konnten alle Pilger mitsingen – da wir dieses Gesang bisweilen auch in Taizé singen. Was für eine Kraft! Verschiedene Traditionen vereint im Gesang, dem Leichentuch Christi folgend, der sich selbst am Kreuz für jeden von uns hingegeben hat. Das Symbol eröffnet uns einen Weg. Und es war, aus dem Dunkel der Kirche kommend und ins Abendlicht tretend, als ob wir bereits in das Licht der Auferstehung treten. So war das Gefühl; eine gesegnete Zeit.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article12270.html - 24 April 2019
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