Brief aus Taizé

Für eine geschwisterliche Erde

Der Brief aus Taizé erscheint vierteljährlich. Auf dieser Seite wird ein Teil der aktuellen Ausgabe zum Thema „Für eine geschwisterliche Erde“ veröffentlicht, die auf die Besuche von Frère Alois in Haiti und das Lateinamerikanische Treffen in Santiago de Chile eingeht.
Pablo (Bolivien)

Jugendliche und Gebet: die Schönheit der Vertrautheit mit Gott wiederentdecken

Zweifellos war das Santiago-Treffen wunderschön, wie die Teilnahme der Jugend gezeigt hat. Jedoch mussten während der Vorbereitung zahlreiche Probleme und Rückschläge bewältigt werden. Was uns am meisten in Anspruch nahm, war, Jugendliche die Schönheit des Gebets wiederentdecken zu lassen. Viele sind gewohnt, zu Treffen in die Kirche zu kommen, für eine lustige Gruppenstunde oder Religionsunterricht, der ihnen viel bringt und sich von dem unterscheidet, was sonst in der Gemeinde los ist. Aber welchen Wert haben all die Aktivitäten ohne ein regelmäßiges Gespräch mit Gott? Ich denke, dass die Jugendlichen während der Vorbereitungszeit und beim Treffen selbst nach und nach ihre eigenen Antworten auf diese Frage fanden. Und im Nachhinein erkannten viele, wie wichtig es ist, im Heiligen Geist auszuruhen.

Alle Gemeinden, mit denen ich im Kontakt stand, machten ähnliche Erfahrungen. Zuerst war es schwierig, „Gebet“ und „Jugend“ zusammenzubringen; es war zunächst etwas viel verlangt. Ich nahm mehrere Male an Treffen von jugendlichen Vorbereitungsgruppen teil – und sie hörten mir zu. Ich denke, es half mir zu wissen, dass ich vor einigen Jahren noch genauso skeptisch war. So konnte ich sie besser verstehen und gab nicht auf. Selbst viele Pfarrer glaubten nicht, dass Jugendliche zu einem Gebet kommen würden.

Fünf Monate später hat Gott etwas verwandelt. Alle Gemeinden entdeckten vor dem 8. Dezember die Schönheit des Gebets wieder – egal ob mit oder ohne Taizé-Gesänge. Ich spreche über das Gebet ohne besonderen Titel, ein Moment der Vertrautheit mit Gott. Ich glaube sogar, dass die Ereignisse während der Vorbereitungszeit, wie z.B. die Rettung der Bergleute und die Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit des Landes, zur Versöhnung zwischen Jugend und Gebet beigetragen haben.

Beim Treffen selbst erzählten Jugendliche davon, was sie während der Vorbereitung entdeckt hatten. Sie sahen auch, dass Jugendliche auch in anderen Ländern auf der Suche nach Momenten der „Ruhe“ und des Nachdenkens sind.

Kurzum, für mich bestand die härteste Arbeit darin, die Jugendlichen zu überzeugen, dass wir auch im Gebet Freude finden können, dass die Schönheit des Gebets darin liegt, sich mit anderen, mit Gott und mit sich selbst zu treffen.

Almudena (Frankreich)

Gott möchte, dass wir frei sind

Während dieser fünfmonatigen Vorbereitung habe ich so viel gesehen und erlebt. Es ist schwer, sich alles bewusst zu machen, was mir dieses Erlebnis gebracht hat; dennoch kann ich jetzt, einige Wochen nach dem Treffen erzählen, was ich gelernt habe.

- Ich habe zum Beispiel gelernt, nicht alles im Voraus wissen zu wollen und erkannt, je weniger wir mit unseren eigenen Vorstellungen in die Zukunft schauen, desto mehr haben wir die notwendige Offenheit, die uns mit Gelassenheit annehmen lässt, was passiert. Tatsächlich geschahen während der Vorbereitung viele Dinge nicht so, wie ich es erwartet hatte – Gruppen kamen nicht wie geplant voran, Treffen wurden abgesagt…

- Ich lernte und erlebte, was Vertrauen wirklich bedeutet – ein oft gebrauchtes Wort, aber schwierig, im Leben umzusetzen. In Santiago erfuhr ich, was es heißt, einander zu vertrauen, ihnen zu sagen „ich glaube an dich“ und ihnen Verantwortung zu übertragen. Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv in der Vorbereitung einzubringen. Dies ist nicht immer leicht, weil Menschen nicht unbedingt so sind, wie wir sie gerne hätten. Ich habe gelernt zu vertrauen, aber auch unvoreingenommen zu sein.

- Ich bekam ein bisschen mehr Sinn für Gemeinschaft und Teamarbeit. Ein solches Leben geht nicht von alleine; man muss sich Mühe geben und auf andere Rücksicht nehmen. Wir waren zehn Freiwillige aus verschiedenen Ländern, dazu die Freiwilligen aus Chile. Es war eine neue Arbeitsweise, weil es hier kein Wetteifern und kein gegenseitiges Beurteilen gab, ganz im Gegensatz zum Alltag. Auch wenn ich die Arbeitsweise mancher anderen nicht immer verstanden habe, musste ich ihnen vertrauen und die unterschiedlichen Vorgehensweisen akzeptieren!

- Ich lernte Ausdauer und Geduld. Tatsächlich erscheinen fünf Monate eine kurze Zeit, aber wenn man Tag für Tag ein solches Treffen vorbereitet, kommt es einem manchmal sehr lang vor!

- Ich konnte in Santiago „Volkskirche“ und einen fast patriotischen Glauben erleben, so wie ich ihn bisher nicht gewohnt war. Viele Marienprozessionen, Heiligengedenken, Gottesdienste zur Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit des Landes etc. Ich muss zugeben, dass ich diese Ereignisse zuerst wie eine Außenstehende über mich ergehen ließ und erst allmählich merkte ich, dass sie einen tieferen und aufrichtigen Glauben widerspiegeln.

- Was letztlich bleibt, ist das tägliche Gebet. Für mich war diese Regelmäßigkeit im Gebet neu. Ich nehme daraus die Überzeugung mit, dass Gott uns dazu beruft, frei zu sein. Durch dieses Freisein, kann sich jeder Seiner Gegenwart öffnen und ein wahres Glück finden.

Stellungnahmen Jugendlicher wie sie in der Druckausgabe des Briefes aus Taizé erschienen sind:

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Printed from: http://www.taize.fr/de_article12082.html - 14 November 2019
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