Bulgarien: 2010

Empfangen wie lang vermisste Freunde

Gegen Ende Oktober besuchten zwei der Brüder der Communauté Bulgarien: „Es war der unser erste Besuch seit vier Jahren, und es war, als ob man uns wie lange vermisste Freunde erwartungsvoll empfing; kaum eine Stunde nach unserer Ankunft in Sofia hatten wir bereits ein Interview für das Fernsehen. Wir sahen alte Freunde der Communauté wieder, aber trafen auch viele Leute, die zum ersten Mal von Taizé hörten. In den 90er-Jahren waren viele Bulgaren nach Taizé und zu den Europäischen Jugendtreffen gekommen, aber in den letzten Jahren ließ dies nach und so war ein Besuch wichtig. Wir könnten persönliche Kontakte wieder aufnehmen, Beziehungen, aus denen jede Gemeinschaft lebt.

Überall ging es um ähnliche Fragen. Die Menschen sprechen offen davon, dass die Situation in Bulgarien alles andere als rosig ist, aber trotzdem ist eine stille Freude zu spüren – das Leben ist schön und ist ein Geschenk Gottes, auch wenn wir vor großen Herausforderungen in Gesellschaft und Kirche stehen.

Die Lage der Kirche ist schwieriger als in den Nachbarländern. Während des Kommunismus wurde die Kirche auch hier verfolgt, aber seit der Wende ist es nicht leichter geworden. Die aufeinander folgenden Regierungen nahmen jedes Mal sehr unterschiedliche Haltungen ein, und die Spaltung der bulgarisch-orthodoxen Kirche in den 90er-Jahren verhalf den Kirchen nicht zu mehr Glaubwürdigkeit. Glücklicherweise ist dies mittlerweile überstanden und vieles lässt mit Hoffnung in die Zukunft blicken. Die junge Generation hat diese schwierige Zeit nicht mehr durchgemacht. Wir begegneten einer ganzen Reihe junger Christen, die davon überzeugt sind, dass die Zukunft Bulgariens und der Kirche nicht so düster ist. Sie weigern sich, gleichgültig zu sein und wollen anderen zeigen, dass Gottes Liebe in ihrem Leben stark ist und sie und andere wirklich verändern kann.

In Vidin, einer Kleinstadt an der Donau, besuchten wir Metropolit Dometian, der 1967 als junger Mönch sechs Monate in Taizé gelebt hatte. Dort nahmen auch am Fest des Hl. Paraskeva teil, der auf dem ganzen Balkan verehrt wird. Die Kirche war voll; allerdings erklärte uns ein Pfarrer, dass viele Menschen - alte wie junge - nur sehr wenig über den Glauben wissen, nachdem Religionsunterricht lange Jahre verboten war. Für viele geht es vorrangig darum, die Menschen verstehen zu lassen, was in der Kirche passiert, was es heißt, ein christliches Leben zu führen, wie man aus der Hoffnung des Evangeliums leben kann, dass wir gemeinsam eine bessere Gesellschaft aufbauen können... Es ist schwierig, mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen, da es keinen allgemeinen Religionsunterricht gibt - aber in Vidin und anderswo versucht man, Sonntagsschulen einzurichten.

In Veliko Tarnovo, das im 11. Jahrhundert Hauptstadt Bulgariens war, und in Sofia, der heutigen Hauptstadt, hatten wir das Glück, Professoren der theologischen Fakultäten zu begegnen. Seit 20 Jahren bilden sie Studenten aus, die über den christlichen Glauben Bescheid wissen. Sie leben ihren Glauben im Alltag, als Pfarrer, Lehrer, Techniker, Geschäftsleute usw. Dabei können sie Christus auf andere Weise bezeugen und Menschen ansprechen, die sich der Kirche fern fühlen.

Wir begannen und beendeten unseren Besuch in einem Kinder- und Jugendzentrum in Sofia. Die meisten jungen Menschen dort würden auf der Straße leben, wenn es diesen Ort nicht gäbe. An einem Abend sangen sie ein Lied mit den Namen aller anwesenden im Raum: „Dani ist ein Geschenk für uns, Dani ist ein Geschenk Gottes..." Die Gesichter der Jugendlichen zeigten, dass das schwer zu glauben war und sie so etwas nie zuvor gehört hatten, aber es war wichtig für sie, es zu hören. Könnte doch jeder von uns sich selbst und andere so sehen; wir würden der Hoffnung sehr viel näher kommen!

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