Kasachstan

Ein Besuch im August 2010

Einer der Brüder der Communauté schreibt nach einem kürzlichen Besuch in diesem Land.
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So viele Bilder füllen einem das Herz und den Kopf nach zwei Wochen in Kasachstan! Die Ebene erstreckt sich bis zum Horizont. Alles scheint einfarbig, doch beim Näher kommen enthüllt sich das Blau als eine Vielzahl kleiner Blumen, wie Disteln. Plötzlich ändert sich das Licht, und alles leuchtet golden. Manchmal kreuzt eine Herde Kühe, Pferde oder Schafe den Weg, mit ihrem Hirten auf einem Pferd.

Das ist die Landschaft, die man im Norden Kasachstans durchquert, von Karaganda aus, über Astana in das kleine Dorf Oziornoe. Seit mehr als 10 Jahren kommen Jugendliche dort jedes Jahr zu einem fünftägigen Treffen zusammen. Die Straße führt nach Russland. Sie ist verhältnismäßig gut ausgebaut, aber sobald man sie verlässt, ändern sich die Verhältnisse und am Ende kommt man über Straßenpisten im Dorf an. Überall wo man hinschaut ist Steppe und plötzlich taucht das Dorf auf: eine Gruppe Häuser bilden einen Platz, entlang der breiten, staubigen Pisten.

Ich hatte darum gebeten, ein paar Tage vor dem Treffen kommen zu können und bei einer Familie zu Gast zu sein. Ich wurde von einer Familie aufgenommen, die einander sehr nahe steht. Die Kinder sind verheiratet und leben im Dorf. Der Tradition folgend lebt der älteste Enkel seit Kindesbeinen mit seinen Großeltern zusammen, um für sie zu sorgen. Nun, da sie älter sind, leben sie von dem, was ihre kleine Landwirtschaft erzeugt. Sie halten einige Tiere und haben einen großen Garten, in dem sie Gemüse anbauen und für den Winter einmachen. Fast alle Männer arbeiten in dem ehemaligen landwirtschaftlichen Genossenschaftsbetrieb.

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Gegen 11 Uhr, nach der Arbeit, lud mich das Paar zu sich ein und wir aßen gemeinsam in der Küche und – trotz der Sprachschwierigkeiten – tauschten wir uns mit allerlei Gesten aus, wir verstanden uns!

Während der Tage vor dem Treffen gab es lange Proben, um die Gesänge zu lernen, mit einer der Schwester, die in der Gemeinde arbeitet. Sie hatte einen kleinen Chor zusammengestellt und Instrumente zur Begleitung gefunden. Diese Jugendlichen stammten aus verschiedenen Gemeinden. Diejenigen aus Oziornoe hatten die Aufgabe, sich um das Essen zu kümmern und bauten eine Jurte aus wunderschönen Stoffen mit kasachischen Motiven auf. Eine Gruppe Frauen aus dem Dorf kochte. In alten Thermobehältern der polnischen Armee wurde das Essen warmgehalten.

Der große Tag kam, und wir beobachteten die Ankunft von Autos verschiedener Größen, alle voll Jugendlicher, zusammen mit ihren Pfarrern oder Ordensschwestern. Einige waren zwei Tage gereist; diejenigen aus dem Süden des Landes sogar noch länger. Eine siebenköpfige Gruppe Jugendlicher aus Usbekistan nahm ebenfalls teil. Unter ihnen waren ein koreanisches Mädchen und eines, dessen Familie aus Tansania stammt, beide sind in Usbekistan geboren. Dies bereicherte die ethnische Vielfalt unter uns. In Kasachstan gibt es mehr als 130 ethnische Gruppen, die größtenteils alle während der Stalinzeit eingewandert waren.

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Vom ersten Abend an spürte man, wie aufmerksam alle waren und wie die Stille während der Gebete alle beeindruckte, die sonst an lebhaftere Treffen gewöhnt sind. Der „Brief aus China“ wurde verteilt und nach einem Treffen in Kleingruppen, stellte sich heraus, dass die Jugendlichen den Brief bis zur letzten Fußnote gelesen hatten!

Einen Höhepunkt bildete ein Pilgerweg auf einen Hügel, auf dem ein großes Kreuz steht. Wir begannen mit der Einführung in der Kirche, dann brachen unter dem bleiernen Himmel die 300 Jugendliche auf: 12 Kilometer Fußmarsch mit zwei Pausen und einer kurzen Bibeleinführung. Auf das Picknick folgte ein wunderschöner Kreuzweg. Am Abend empfingen die Familien im Dorf die Jugendlichen in Gruppen, damit sie sich waschen konnten… das einzige Mal in der Woche! Es ist so trocken, dass es nicht genügend Wasser gibt, um sich jeden Tag zu waschen.

Der nächste Abend, ein kürzerer Pilgerweg diesmal zum See, der den Ursprung dieses Pilgerortes bildet. Im Jahr 1936 standen die Männer unter Zwangsarbeit und viele von ihnen waren hingerichtet worden. Die Frauen und Kinder waren im Dorf, der Winter war hart, und es gab nichts mehr zu essen. Plötzlich wurde der Winter verfrüht milder, der Schnee schmolz und ein See entstand voller Fische. Es war der 25. März und die Einwohner schrieben es dem Eingreifen Mariens zu. So machten wir uns zu Fuß zum See auf und zur Mariensäule. Die Sonne ging auf und die Steppe glänzte voller Farben. Wir hatten ein Gebet vorbereitet und die Jugendlichen legten in einen Korb Zettel, auf denen sie geschrieben hatten, wo sie sich engagieren wollen. Eine weitere beeindruckende Stille, dann brach das Magnifikat hervor.

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Die Fragen und die Erwartungen der Jugendlichen haben so viel gemeinsam mit denen anderer Jugendlicher in anderen Ländern. Aber vor allem beeindruckte, welche Rolle für sie der Glaube spielt und die Suche nach Gott im Leben. Für viele war das Treffen die Entdeckung einer persönlichen Beziehung mit Christus im Gebet und im Wort Gottes.

Vielleicht kann ich auch meinem Besuch in Karaganga erwähnen, wo die älteste Diözese Kasachstans liegt. Mit dem Ortsbischof machten wir uns auf einen Pilgerweg nach Spassk, einem der größten Konzentrationslager, das so groß ist, dass ich es kaum beschreiben kann. Die Leichen Tausender Männer wurden hier in Massengräbern verscharrt. Sie hatten in den Minen und Höfen gearbeitet. Nun gibt es hier Gedenkstätten verschiedener Länder. Es war ein Moment tiefen Gebets.

Im Mai konnte ich bei einem ersten Besuch bereits einiges vorbereiten und mit den Verantwortlichen zusammen nachdenken. Diesmal hatte ich die Gelegenheit, an der Eröffnung der evangelisch-lutherischen Synode teilzunehmen und junge, orthodoxe Pfarrer aus Astana treffen. Auf dem Rückweg von Ozornoe hatte uns der orthodoxen Erzbischofs zu sich nach Hause eingeladen. Obwohl Erzbischof Alexander selbst gerade in Moskau war, wurde ich erwartet. Es war der 16. August: wir beteten in der prächtigen Kathedrale Zenikov, in Dankbarkeit für das Leben von Frère Roger, dem die orthodoxe Kirche so sehr am Herzen lag.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article11354.html - 19 October 2019
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